 Kräfte gegeben ist, und wir fragen
nicht mehr, was soll es? sondern wir mischen uns mit Eifer unter die Menge, wo
wir nicht die Ungeschicktesten sein wollen, und wenn wir auch heimlich das Ganze
als Spiel betrachten, so dünkt es uns doch würdig, das Spiel mit allem Ernst
durch zu führen. - Nur soll ein jeder seine Individualität kennen lernen, hat er
dann ein richtiges Bild von sich selbst gefasst; so kann er mit diesem Bilde in
die Welt eintreten und ruhig und sicher handeln. - Denn was man auch sagen mag;
so ist es doch gewiss, dass sich die äußern Umstände öfterer nach dem Menschen
formen, als er sich nach ihnen. Seine Art zu denken, zu empfinden, sein
Geschmack, seine Irrtümer ziehen die Verhältnisse um ihn herum, und der Wunsch
sie verändert zu sehen, ist vergebens, wenn er sich nicht selbst ändern will und
kann. - War bei allen bitteren Klagen, die Rousseau über die Menschen außstieß,
er es nicht immer selbst, der zu dieser Behandlung Veranlassung gab? - Er, der
sich gegen alle so sonderbar und ungewöhnlich betrug, musste auch ein
ungewöhnliches Betragen von andern erfahren, und wär' er aufrichtig gewesen, so
hätte er doch wahrscheinlich gestehen müssen, dass er nirgends so glücklich hätte
sein können, kein Zustand für ihn so passend war, wie gerade seine Verbannung,
wo er von allen Verhältnissen frei, seinen Träumereien ganz ungestöhrt leben
konnte.
    Aus dem, was ich Dir hier geschrieben habe, wirst Du vermuten, dass gerade
jetzt ein Zeitpunkt meines Lebens ist, wo ich über meine Verhältnisse zu der
Welt, mehr als gewöhnlich nachgedacht habe; und Du hast recht. - Ein jeder,
glaube ich, hat Momente, wo er das Bestreben fühlt, aus seinem Leben, ein
Ganzes, eine Geschichte zu bilden, und wenn er dies nicht kann, wenn er den
Faden, der seine kleinen und großen, innern und äußern Begebenheiten
zusammenhält, gänzlich verliert, oder wenn er ihm zerrissen wird, so ist er
unglücklich und zerstückt. - Bisher habe ich dies Bedürfnis nie lebhaft gefühlt;
denn, weil ich so verschiedene Ansichten hatte, und mit ihnen wechselte; so fand
ich scheinbar, oft wenig Zusammenhang mit den Vorhergehenden. - Doch jetzt, da
ich auf einer Art von Ruhepunkt stehe, und mein Leben wie einen bunt gewirkten
Teppich vor mir liegen sehe, und übersehe, merke ich einen leisen Zusammenhang,
und einen Faden, der aus mir selbst herausgesponnen, das Einzelne verbindet. -
Ich bin nicht unzufrieden mit mir und der Welt, nur das Einzige schmerzt mich,
und wird mich ewig schmerzen, dass das Höchste meines Lebens, die Zeit, wo sich
die
