 weniger
braucht, wie ganz unerträglich ist er an denjenigen, die dennoch ganz in ihren
Geistesbanden bleiben, sich nur mehr in Sorgen und Zwang vergraben, sich gegen
andere ganz verhärten, und es recht unableugbar zeigen, dass sie zu Sklaven
geboren sind!
    Sie und der Graf sind jetzt mein einziger Umgang, wenn ich mich entschließen
kann, die Einsamkeit, die mir unendlich lieb geworden ist, zu verlassen. Ach!
ich war einst zu berauscht, zu seelig, als dass ich das bloß Angenehme des Lebens
recht herzlich fühlen konnte. Doch, wenn ich mich selbst, wenn ich alles einzeln
vergesse, und bloß das Ganze in meiner Seele fühlen kann, dann habe ich den
Mut, ohne Liebe hinauszugehen, in die lieberfüllte Natur, wo Luft und Stauden,
Bäche und Vögel, alle noch wie ehemals Liebe hauchen und Liebe singen. Dann gebe
ich mich ganz dahin, wo alles stille, große, harmonische Einfalt ist. Meine
Sorgen klage ich den zärtlichen Lüften, mein Vertrauen weihe ich der ewigen
Ordnung, mein Glück suche ich in dem allmächtigen Liebeshauch, der die Stauden
und die Sonnen durchdringt. - Die Natur wirkt auf mich mit ihren großen
Beziehungen, sie hebt mich empor mit ihren Flügeln, und wenn es süß ist, Ein
verwandtes Herz zu verstehen, und sich von ihm verstanden zu fühlen; so ist es
heilig, sich ganz den Empfindungen hinzugeben, wo aller Menschen Herzen, nah'
oder fern in ihren reinsten Momenten zusammentreffen!
 
                                Siebenter Brief
                                Amanda an Julien
Ich habe mir seit Kurzem eine neue Wohnung gemietet, welche mir durch ihre
äußerst schöne romantische Lage schon längst gefiel, und es beschäftigt mich
immer mehr, meine ganze Umgebung nach den Bildern zu gestalten, die ich schon
lange im Sinne trage, und bisher nie, ungestöhrt ausführen konnte. Die
Ungebundenheit meines Lebens; die Klarheit, mit der ich die Welt um mich
erblicke; die stille Wirksamkeit die ich übe, macht mich zufrieden, und wenn
ichs recht bedenke; so ist mein jetziger Zustand das Ideal einer Lage, welche
ich mir oft jugendlich träumte. Mein stilles Leben fasst weit mehr in sich, und
gewährt mir ein mannigfaltigeres Dasein, als meine vormalige lebendigste Lage. -
Ein schöner, freier Kreis, das fühle ich lebhaft in heitern Stunden, liegt vor
mir da; und indes mir in meiner Sphäre nichts entgeht, nichts zu gering ist,
ergreift meine Phantasie alle ferne schönen Beziehungen des Lebens.
    Und welch ein liebes Geschenk gaben mir die Götter mit Wilhelm! Du glaubst
nicht, wie innig er mir ergeben ist, und wie seine liebenswürdige Natur jede
Mühe belohnt, die man sich zu ihrer Ausbildung geben kann! Er hatte manches von
seiner kleinen Geschichte erfahren, und ich
