 wenn er sich nur den Sinn erhält,
über seine Verhältnisse zu den Andern frei denken zu können. - Der Mensch, so
denke ich, Julie, soll immerhin Alles um sein selbst willen tun, aber man kann
ihn lehren, sein eigenes Glück darin zu finden, dass er für Andre lebt. Diese
einfache Idee spricht unmittelbar an das Herz, und ist dem Kinde, dem
ungebildeten Menschen, verständlich. Jede Aufopferung für einen Andern, die
nicht aus Neigung geschieht, ist unnatürlich; sie zerwühlt das eigene Herz und
steht fruchtlos im Äußern da. Menschen sollen recht gegen einander handeln,
aber nicht großmütig. Großmut ist anmaassend, weil sie nur höheren Wesen
zukömmt, und grausam, weil sie Andere erniedrigt. -
    Könnte nur, - ich wiederhole es - ein jeder seine Natur verstehen lernen!
Und glücklich der, dessen Neigungen ein freies, angemessenes Gebiet im Leben
finden, wo sie sich äußern können, denn die Neigungen sind immer gut!
    Sehr oft sehe ich auch jetzt den Grafen * *, der sehr bekannt mit Albrets
Angelegenheiten ist, und mir in meiner verwickelten Lage, viele Dienste leistet.
- Manches von dem, was er mir aus Albrets Leben erzählt, gibt mir Aufschluss
über Vieles, was mir so lange dunkel geblieben ist, und neue Veranlassung über
die unselige Verschlossenheit dieses Mannes zu trauern. - Denn ich weiß es wohl,
Julie, dass Aufrichtigkeit nicht immer eine gesellige Tugend genannt werden kann;
dass der Mensch, der für Andere und mit Andern leben will, oft etwas von der
Wahrheit seines eigenen Wesens aufopfern muss, um des Ganzen willen. Auch möchte
ich nicht gern zu denen gehören, die bitter auf die Klugheit schimpfen, weil sie
zu ungeschickt sind, ihr eigenes Leben, so wie sie gern es wollten,
durchzuführen. Aber, ich fühle es jetzt innig in der Seele, geoffenbart: nichts
kann beruhigen als Wahrheit, nichts erfreuen, nichts beglücken, als sie. - Und
darum ist - die Zeit der Liebe, auch die schönste, glücklichste Zeit des Lebens,
weil da reine, ewige Wahrheit ist; denn niemals werde ich so töricht sein, das
Unendliche, Himmlische - Wahn, und das Irrdische, Beschränkte, - Wahrheit zu
nennen.
 
                                 Dritter Brief
                                Amanda an Julien
Die Natur lebt wieder auf; die letzten dürren Blätter säuseln in den singenden
Strom hernieder; ein frisches Grün breitet sich über den Grund, und die Rebe
weint schon dem Frühling ihre süßen Tränen. Durch das Dunkel der Tannenwälder,
schimmern die lichten, grünen Gruppen der jungen aufsprossenden Birken, wie
freudige Erinnerungen die Schwermut eines trauernden Gemüts unterbrechen. -
Mit dem Frühling erwacht mein Herz aus seinem Schlummer, und die Zeit der Ruhe
ist, wie
