 aufs äußerste treiben, was sich, wenn sie bloß jung und
schön wäre, doch nicht so unbedingt tun ließ. - Freilich hoffe ich, und sie
wird von ihrer Seite, diese unschätzbare Situation nicht unbenutzt lassen; ihrer
Eitelkeit mit ein paar Dutzend Männerherzen ein angenehmes Opfer bringen, und so
Betrug mit Betrug vergelten. - Ich wenigstens tue alles, um sie dafür zu
stimmen, denn ich liebe sie recht von Grund des Herzens, ob ich gleich
eigentlich gar nicht begreifen kann, was mir so an ihr gefällt, da ich fast
alles was sie denkt und tut, abgezogen, dass sie es tut, höchst lächerlich
finde. Denn wie man bei einem lermenden, allerliebsten Ball voll eleganter
Tänzer und Tänzerinnen, an die, im Menschen liegende, geheimnisvolle Neigung zur
Harmonie, denken, und von einem Manne eine unerklärliche, süße Übereinstimmung,
kurz etwas anders verlangen kann, als - Mittel gegen die lange Weile und das
angenehme Gefühl unsrer Verstandsüberlegenheit - das ist mir ganz unbegreiflich!
Ich hasse alles, was nur von fern einer Träumerei ähnlich sieht, und die listige
Miene einer artigen Modehändlerin, die sich beständig mit Geschmack zu kleiden
versteht, und dadurch die Käuferinnen anlockt, ist mir viel interessanter als
die tiefsinnigste Reflexion, die in nichts eingreift und nichts bewirkt. Frisch,
munter hingelebt, sein Dasein nach allen Seiten hin, sorgenlos ausgebreitet, so
viel Freude genossen, als möglich; gegen andre, nicht gut, sondern klug sich
betragen; sich nur an die Außenseite gehalten, um das Innere nicht bekümmert,
denn dies ergründet doch keiner; uns als die Seele des Ganzen - die Männer, als
die gröbern Werkzeuge betrachtet, die wir nach Gefallen regieren können - mit
dieser Weisheit, oder Torheit hoffe ich auszukommen; ja ich hoffe noch so viel
angenehme Kleinigkeiten zu tun, so viel Neid und Liebe zu erregen, so viel
fremde Torheiten zu belachen, dass ich gar keine Zeit habe, an meine eigenen zu
denken.«
    »Ja! ich weis es doch, was mich eigentlich so an Amanden fesselt. - Sie
afektirt nicht; so wie sie ist, so ist es ihre Natur - und dies ist unschätzbar!
denn wenn irgend etwas der verständigen Plumpheit der Männer beikömmt, so ist es
die unverständige Ziererei der Weiber.«
    »So komm denn, ich erwarte Dich.
                                                                 Deine Nanette.«
 
                                 Zehnter Brief
                                Amanda an Julien
Ich komme eben aus dem Garten. Ein heitres, schimmerndes Morgenlicht ergoss sich
über die Gegend; die Stauden und Blumen hauchten ihren Geist in den süßesten
Gerüchen aus. Alle Lauben dufteten, alle Vögel sangen - Himmel und Erde umfassten
mich mit freundlicher Liebe. Ich fühlte mich an Körper und Geist unaussprechlich
wohl, und empfänglich für
