 einem weiten Spaziergang zurück, und weihe Dir noch die
letzten Augenblicke dieses Tages. - Neues Leben regt sich durch die Natur; ein
frisches Grün breitet sich über den Grund, die Bäume schwellen von junger
Lebenskraft. Mit welcher Lust sah ich, als ich die bekannten Höhen hinaufstieg,
den Raum unter mir, immer mehr an Leben und Mannigfaltigkeit gewinnen! - Wäre es
doch möglich, dachte ich, so immer höher zu steigen, und dann, in heiliger
Einsamkeit, die ganze Erde, ihren einfachen Gesetzen gemäß, dahin wandeln zu
sehen, dann immer weiter den unersättlichen Durst nach Wissen zu folgen, und den
Sonnen und Sternen ihre ewigen Geheimnisse abzulauschen! - Ach! dass es einen
Punkt gibt, wo alles in Nebel verschwindet, wo der Blick des menschlichen
Auges, des äußern und innern, traurig an der Gränze haftet, welche eine
unbegreifliche Macht seiner durstigen Wissbegier vorschob! - Hier, wo sonst alles
in der Natur den Zweck erreichen kann, zu dem seine innern Kräfte es bestimmen,
wo alles in friedlicher Notwendigkeit die beschriebene Bahn durchläuft, wo für
jedes Bedürfnis des sichern Instinkts gesorgt ist; was soll hier des Menschen
freier, unauslöschlicher Durst, nach Wissen, der nie befriedigt wird, und ihn
gleichwol zwingt, lieber, ewig unbefriedigt, vor der geheimnisvollen letzten
Ursache alles Lebens, aller Wirkung stehen zu bleiben, ehe er, mit den
Erscheinungen zufrieden, ruhig den kurzen Traum des Erdenlebens genießt? - Und
doch, mein Barton, wäre der Streit über unser eigenes Wesen entschieden, der
geheimnisvolle Schleier der Natur zerrissen; so wäre ein Stillstand aller
Tätigkeit, alles Strebens in uns. Ewig müssen wir suchen, indes ein jeder das
Geheimnis seines Wesens und seiner Hoffnungen, unerkannt und ahnungsvoll in
seinem eigenen Busen trägt. Lebe wohl. Morgen reise ich nach dem Landgut des
Herrn von W * *, wo er eine vorzügliche Sammlung phisikalischer Instrumente
aufbewahrt, und wo ich mir für meinen Geist reichlichen Genuss verschaffen darf.
 
                                Siebenter Brief
                                Amanda an Julien
Ein guter Genius hat mir seit einigen Wochen die angenehmste Gefährtin zugeführt
- und dass ich Dir so lange nicht schrieb, ist wohl der stärkste Beweis, wie
anziehend sie mich beschäftigt. Sie ist ein leichtes zierliches Wesen, das
gleich den Schmetterlingen nur auf Blumen verweilt, und ohne sich zu verletzen,
den Dornen des Lebens vorüber flattert; eine immer fröhliche Laune, und das
glücklichste Talent, allenthalben das Angenehme leicht und sicher
herauszufinden, scheint sie in jede Lage zu begleiten. Ein solcher Umgang ist
gewiss ein großer Schatz für Menschen, die, gleich mir, noch unruhig und
strebend, oft das Gute verschmähen, weil sie nach dem Vollkommenen schmachten. -
Nanette Sensy - dies ist der Name meiner neuen Freundin
