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                                 Sechster Brief
                                Eduard an Barton
Nicht immer, mein Freund, fühle ich mich so glücklich als an dem Tage wo ich Dir
zuletzt schrieb. Unruhe überfällt mich zuweilen, und treibt mich rastlos umher.
Vergebens rauschen die munteren Freuden des Lebens dann an mir vorüber; ihr
schmeichelnder Fittig weckt die Sehnsucht meines Herzes nicht. Und doch ist die
jugendliche Glut des Geistes nicht im mindesten erloschen; vielmehr umfasse ich
die Gegenstände stärker, inniger, obgleich seltener. Oft dünkt es mich, als
fehlte mir ein hellerer Aufblick in die eigentliche Oeconomie des Lebens, und
das Gemälde menschlicher Wünsche und Handlungen wirkt in gewissen Augenblicken
verworren und drückend auf meinen Geist. Es ist mir, als stünde ich noch unter
den Uneingeweihten, als fehlte mir noch das Wort, der Aufschluss, die mir das
Rätsel des Lebens und der Welt erklären sollten. Sehe ich dann einen Mann, mit
verständigem, bestimmten Gesicht, wo Leidenschaften geherrscht, aber nicht
verwüstet haben, der das freie Spiel der Unterhaltung nicht mit seinen Ideen
gewaltsam beherrschen will, sondern es geschickt, und wie wir gern es mögen, zu
lenken weis; so fühl' ich mich sanft zu ihm hingezogen, und möcht' ihn bitten:
»o Du! der Du die geheimen Irrgänge des Herzens beobachtetest und selbst
durchwandeltest, ihre Erscheinungen auf dem großen Schauplatz des tätigen
Lebens zu erkennen und zu würdigen weißt, o schließe den Reichtum Deiner
Erfahrungen vor mir auf, und befriedige meine ungeduldige Sehnsucht!« - denn was
kann wohl schöner sein, Barton, als in dem vorüberrauschenden Strom des Lebens,
wo so viele nur ein wildes Spiel der Wogen sehen, eine hohe Harmonie zu
vernehmen, und mit geläuterten Sinnen die schönen Töne des Gefühls zu
unterscheiden, die aus dem toten Stoff der Umstände lebendig hervorquellen? Wer
dies vermag, dem kann es dann auch gelingen, die bunten Gaukeleien des Zufalls
nach seinem Gefallen zu ordnen, und dem verwornen Stoff eine bestimmte Form zu
geben. Mit schöpferrischer Hand drückt er selbst der toten Natur Spuren eines
freien, denkenden Wesens ein, und in Stunden ernster Begeisterung gehen die
ewigen Zwecke des Lebens fasslich und rein seiner Seele vorüber.
    Meine Hoffnung ist auf die Zeit gerichtet, wo mein Vater seine, mir zum
Teil noch unbekannte Pläne mit mir, ausführen will, auf die Zeit, wo mich
vielleicht eine andere Hemisphäre aufnehmen und mit ihren Wundern erfreuen wird.
Diese Idee, die ich freilich nur ahne, ist meine Geliebte, die mich durch ihr
zauberisches Halbdunkel unaufhörlich reizt, und anzieht; und ich bitte Dich,
mein Freund, wenn Du etwas beitragen kannst, mich diesem Ziel näher zu bringen,
so tue es, und mache Deinen Eduard sobald als möglich glücklich.
    Ich komme eben von
