 Ich zittre nicht für die wenigen Tage, die ich noch zu durchleben
habe, aber dein Schicksal bricht mir das Herz. Die Umstände vergönnten mir
nicht, dir eine Erziehung zu geben, welche die, in dir vielleicht schlummernden
Talente hätte gehörig entwickeln können, damit du jetzt in ihrer Ausbildung
Mittel zu einem leichten und anständigen Unterhalt finden möchtest. Aber du
lebtest bis jetzt in freien, sorgenlosen Verhältnissen, und dein eigenes Wesen
ist mehr für Freiheit als Dienstschaft gemacht; du gibst lieber als du
empfängst, und du kannst nur glücklich sein, wenn es in deiner Macht steht,
glücklich zu machen. Was sollen dir diese Eigenschaften, die dein Schmuck sein
würden, wenn du reich wärest, in deiner nunmehrigen Lage? wie wirst du, armes
Kind, nun die Dienstbarkeit, das Eingeschränkte, Kümmerliche ertragen können?« -
Ich war betroffen, denn ich hatte, leichtgesinnt wie eine freie, unverkümmerte
Jugend immer ist, nie an die Quellen meines sorgenfreien Lebens und also auch
nie an ihre Versiechung gedacht, und fühlte jetzt mit Erröten, dass ich wirklich
sogleich kein Mittel wusste, die Sorge für meine Erhaltung selbst zu übernehmen.
Indessen kam mir das alles nicht so grausend vor, wie meinem Vater, und tröstend
sagte ich ihm: Nein! bester Vater, wir werden nicht ganz unglücklich sein! es
werden mir Mittel einfallen, ich werde Aussichten finden - - Es hat sich eine
gefunden, sprach er wieder, und wenn es dir möglich ist, dieser zu folgen, so
bittet dich dein Vater, tue es! Albret verlangt deine Hand; er wird dir ein
heitres, genussvolles Leben, deinem Vater ein sichres, sorgenfreies Auskommen
verschaffen. Du wirst von Einem Menschen abhängen, aber in übrigen frei sein.
Bedenke, wie selten Liebe allein eine ehliche Verbindung schließt, wie selten
vorzüglich ein Weib in ihrer abhängigen Lage darauf Anspruch machen kann!
bedenke, dass du Bedürfnisse und Wünsche hast, welche ein freies, nicht von
ängstlichen Sorgen bekümmertes Leben verlangen, und dass jene Freiheit, welche
uns in den Stand setzt, den äußern Verhältnissen, mehr und mehr eine
selbstbeliebige Form zu geben, am leichtesten durch Reichtum erreicht wird. Ich
verlasse dich jetzt; aber Albret verlangt schnelle und entscheidende Antwort;
bedenke dass die Ruhe deines Vaters davon abhängt.
    Und so, Julie - denn mein Herz wiederstand dem bittenden Vater nicht, und
ich hielt es für verdienstlich das dunkle, traurige Gesicht zu überwinden,
welches mich von dieser Verbindung zurückzuziehen schien - ward ich in wenig
Tagen Albrets Gattin, denn er verlangte die schnelle Vollziehung unsrer
Verbindung mit einem Eifer, den ich für wahre herzliche Liebe zu mir nahm. -
Ach! dies war es nicht! ganz andre Wünsche, andre
