 Töne tief in das
Innere jeder Natur eindrangen und sie zerlegten. Jeder ihrer Namen schien das
Loosungswort für die Seele jedes Naturkörpers. Mit schöpferischer Gewalt
erregten diese Schwingungen alle Bilder der Welterscheinungen, und von ihnen
konnte man mit Recht sagen, dass das Leben des Universums ein ewiges
tausendstimmiges Gespräch sei; denn in ihrem Sprechen schienen alle Kräfte, alle
Arten der Tätigkeit auf das Unbegreiflichste vereinigt zu sein. Die Trümmer
dieser Sprache, wenigstens alle Nachrichten von ihr, aufzusuchen, war ein
Hauptzweck ihrer Reise gewesen, und der Ruf des Altertums hatte sie auch nach
Sais gezogen. Sie hofften hier von den erfahrnen Vorstehern des Tempelarchivs
wichtige Nachrichten zu erhalten, und vielleicht in den großen Sammlungen aller
Art selbst Aufschlüsse zu finden. Sie baten den Lehrer um die Erlaubnis, eine
Nacht im Tempel schlafen, und seinen Lehrstunden einige Tage beiwohnen zu
dürfen. Sie erhielten was sie wünschten, und freuten sich innig, wie der Lehrer
aus dem Schatze seiner Erfahrungen ihre Erzählungen mit mannichfaltigen
Bemerkungen begleitete, und eine Reihe lehrreicher und anmutiger Geschichten
und Beschreibungen vor ihnen entwickelte.
    Endlich kam er auch auf das Geschäft seines Alters, den unterschiednen
Natursinn in jungen Gemütern zu erwecken, zu üben, zu schärfen, und ihn mit den
andern Anlagen zu höheren Blüten und Früchten zu verknüpfen.
Ein Verkündiger der Natur zu sein, ist ein schönes und heiliges Amt, sagte der
Lehrer. Nicht der bloße Umfang und Zusammenhang der Kenntnisse, nicht die Gabe,
diese Kenntnisse leicht und rein an bekannte Begriffe und Erfahrungen
anzuknüpfen, und die eigentümlichen fremd klingenden Worte mit gewöhnlichen
Ausdrücken zu vertauschen, selbst nicht die Geschicklichkeit einer reichen
Einbildungskraft, die Naturerscheinungen in leicht fassliche und treffend
beleuchtete Gemälde zu ordnen, die entweder durch den Reitz der
Zusammenstellung und den Reichtum des Inhalts die Sinne spannen und
befriedigen, oder den Geist durch eine tiefe Bedeutung entzücken, alles dies
macht noch nicht das ächte Erfordernis eines Naturkündigers aus. Wem es um etwas
anders zu tun ist, als um die Natur, dem ist es vielleicht genug, aber wer eine
innige Sehnsucht nach der Natur spürt, wer in ihr alles sucht, und gleichsam ein
empfindliches Werkzeug ihres geheimen Tuns ist, der wird nur den für seinen
Lehrer und für den Vertrauten der Natur erkennen, der mit Andacht und Glauben
von ihr spricht, dessen Reden die wunderbare, unnachahmliche Eindringlichkeit
und Unzertrennlichkeit haben, durch die sich wahre Evangelia, wahre Eingebungen
ankündigen. Die ursprünglich günstige Anlage eines solchen natürlichen Gemüts
muss durch unablässigen Fleiß von Jugend auf, durch Einsamkeit und
Stillschweigen, weil vieles Reden sich nicht mit der steten Aufmerksamkeit
verträgt, die ein solcher anwenden muss, durch kindliches, bescheidnes Wesen und
unermüdliche Geduld unterstützt und ausgebildet sein. Die Zeit lässt sich nicht
bestimmen, wie bald einer
