 unerfüllte Trieb in die unermessliche Höhe will, so versinkt die glückliche
Liebe gern in die endlose Tiefe. Aber es ist umsonst, die Natur lehren und
predigen zu wollen. Ein Blindgeborner lernt nicht sehen, und wenn man ihm noch
so viel von Farben und Lichtern und fernen Gestalten erzählen wollte. So wird
auch keiner die Natur begreifen, der kein Naturorgan, kein innres
naturerzeugendes und absonderndes Werkzeug hat, der nicht, wie von selbst,
überall die Natur an allem erkennt und unterscheidet und mit angeborner
Zeugungslust, in inniger mannichfaltiger Verwandtschaft mit allen Körpern, durch
das Medium der Empfindung, sich mit allen Naturwesen vermischt, sich gleichsam
in sie hineinfühlt. Wer aber einen richtigen und geübten Natursinn hat, der
genießt die Natur, indem er sie studiert, und freut sich ihrer unendlichen
Mannichfaltigkeit, ihrer Unerschöpflichkeit im Genuße, und bedarf nicht, dass
man ihn mit unnützen Worten in seinen Genüssen störe. Ihm dünkt vielmehr, dass
man nicht heimlich genug mit der Natur umgehen, nicht zart genug von ihr reden,
nicht ungestört und aufmerksam genug sie beschauen kann. Er fühlt sich in ihr,
wie am Busen seiner züchtigen Braut und vertraut auch nur dieser seine erlangten
Einsichten in süßen vertraulichen Stunden. Glücklich preis' ich diesen Sohn,
diesen Liebling der Natur, dem sie verstattet sie in ihrer Zweiheit, als
erzeugende und gebärende Macht, und in ihrer Einheit, als eine unendliche,
ewigdauernde Ehe, zu betrachten. Sein Leben wird eine Fülle aller Genüsse, eine
Kette der Wollust und seine Religion der eigentliche, ächte Naturalismus sein.
Unter dieser Rede hatte sich der Lehrer mit seinen Lehrlingen der Gesellschaft
genähert. Die Reisenden standen auf und begrüßten ihn ehrfurchtsvoll. Eine
erfrischende Kühlung verbreitete sich aus den dunkeln Laubgängen über den Platz
und die Stufen. Der Lehrer ließ einen jener seltenen leuchtenden Steine bringen,
die man Karfunkel nennt, und ein hellrotes, kräftiges Licht goss sich über die
verschiedenen Gestalten und Kleidungen aus. Es entspann sich bald eine
freundliche Mitteilung unter ihnen. Während eine Musik aus der Ferne sich hören
ließ und eine kühlende Flamme aus Krystallschaalen in die Lippen der Sprechenden
hineinloderte, erzählten die Fremden merkwürdige Erinnerungen ihrer weiten
Reisen. Voll Sehnsucht und Wissbegierde hatten sie sich aufgemacht, um die Spuren
jenes verloren gegangenen Urvolks zu suchen, dessen entartete und verwilderte
Reste die heutige Menschheit zu sein schiene, dessen hoher Bildung sie noch die
wichtigsten und unentbehrlichsten Kenntnisse und Werkzeuge zu danken hat.
Vorzüglich hatte sie jene heilige Sprache gelockt, die das glänzende Band jener
königlichen Menschen mit überirdischen Gegenden und Bewohnern gewesen war, und
von der einige Worte, nach dem Verlaut mannichfaltiger Sagen, noch im Besitz
einiger glücklichen Weisen unter unsern Vorfahren gewesen sein mögen. Ihre
Aussprache war ein wunderbarer Gesang, dessen unwiderstehliche
