. Alles Göttliche hat eine Geschichte und die Natur, dieses
einzige Ganze, womit der Mensch sich vergleichen kann, sollte nicht so gut wie
der Mensch in einer Geschichte begriffen sein oder welches eins ist, einen Geist
haben? die Natur wäre nicht die Natur, wenn sie keinen Geist hätte, nicht jenes
einzige Gegenbild der Menschheit, nicht die unentbehrliche Antwort dieser
geheimnisvollen Frage, oder die Frage zu dieser unendlichen Antwort.
    Nur die Dichter haben es gefühlt, was die Natur den Menschen sein kann,
begann ein schöner Jüngling, und man kann auch hier von ihnen sagen, dass sich
die Menschheit in ihnen in der vollkommensten Auflösung befindet, und daher
jeder Eindruck durch ihre Spiegelhelle und Beweglichkeit rein in allen seinen
unendlichen Veränderungen nach allen Seiten fortgepflanzt wird. Alles finden sie
in der Natur. Ihnen allein bleibt die Seele derselben nicht fremd, und sie
suchen in ihrem Umgang alle Seligkeiten der goldnen Zeit nicht umsonst. Für sie
hat die Natur alle Abwechselungen eines unendlichen Gemüts, und mehr als der
geistvollste, lebendigste Mensch überrascht sie durch sinnreiche Wendungen und
Einfälle, Begegnungen und Abweichungen, große Ideen und Bizarrerieen. Der
unerschöpfliche Reichtum ihrer Fantasie lässt keinen vergebens ihren Umgang
aufsuchen. Alles weiß sie zu verschönern, zu beleben, zu bestätigen, und wenn
auch im Einzelnen ein bewusstloser, nichtsbedeutender Mechanismus allein zu
herrschen scheint, so sieht doch das tiefer sehende Auge eine wunderbare
Sympatie mit dem menschlichen Herzen im Zusammentreffen und in der Folge der
einzelnen Zufälligkeiten. Der Wind ist eine Luftbewegung, die manche äußere
Ursachen haben kann, aber ist er dem einsamen, sehnsuchtsvollen Herzen nicht
mehr, wenn er vorübersaust, von geliebten Gegenden herweht und mit tausend
dunkeln, wehmütigen Lauten den stillen Schmerz in einen tiefen melodischen
Seufzer der ganzen Natur aufzulösen scheint? Fühlt nicht so auch im jungen,
bescheidenen Grün der Frühlingswiesen der junge Liebende seine ganze
blumenschwangre Seele mit entzückender Wahrheit ausgesprochen, und ist je die
Üppigkeit einer nach süßer Auflösung in goldnen Wein lüsternen Seele köstlicher
und erwecklicher erschienen, als in einer vollen, glänzenden Traube, die sich
unter den breiten Blättern halb versteckt? Man beschuldigt die Dichter der
Übertreibung, und hält ihnen ihre bildliche uneigentliche Sprache gleichsam nur
zu gute, ja man begnügt sich ohne tiefere Untersuchung, ihrer Fantasie jene
wunderliche Natur zuzuschreiben, die manches sieht und hört, was andere nicht
hören und sehen, und die in einem lieblichen Wahnsinn mit der wirklichen Welt
nach ihrem Belieben schaltet und waltet; aber mir scheinen die Dichter noch bei
weitem nicht genug zu übertreiben, nur dunkel den Zauber jener Sprache zu ahnden
und mit der Fantasie nur so zu spielen, wie ein Kind mit dem Zauberstabe seines
Vaters spielt. Sie wissen nicht, welche Kräfte ihnen untertan sind, welche
Welten ihnen gehorchen müssen
