 die andere, und so entsteht allmälich eine unbehülfliche
Trägheit, dass wenn nun solche Menschen einmal mit gesammten Kräften aufstehen
wollen, eine gewaltige Verwirrung und Streit beginnt, und alles über einander
ungeschickt herstolpert. Ich kann euch nicht genug anrühmen, euren Verstand,
euren natürlichen Trieb zu wissen, wie alles sich begibt und untereinander nach
Gesetzen der Folge zusammenhängt, mit Fleiß und Mühe zu unterstützen. Nichts ist
dem Dichter unentbehrlicher, als Einsicht in die Natur jedes Geschäfts,
Bekanntschaft mit den Mitteln jeden Zweck zu erreichen, und Gegenwart des
Geistes, nach Zeit und Umständen, die schicklichsten zu wählen. Begeisterung
ohne Verstand ist unnütz und gefährlich, und der Dichter wird wenig Wunder tun
können, wenn er selbst über Wunder erstaunt.
    Ist aber dem Dichter nicht ein inniger Glaube an die menschliche Regierung
des Schicksals unentbehrlich?
    Unentbehrlich allerdings, weil er sich das Schicksal nicht anders vorstellen
kann, wenn er reiflich darüber nachdenkt; aber wie entfernt ist diese heitere
Gewissheit, von jener ängstlichen Ungewissheit, von jener blinden Furcht des
Aberglaubens. Und so ist auch die kühle, belebende Wärme eines dichterischen
Gemüts gerade das Widerspiel von jener wilden Hitze eines kränklichen Herzens.
Diese ist arm, betäubend und vorübergehend; jene sondert alle Gestalten rein ab,
begünstigt die Ausbildung der mannichfaltigsten Verhältnisse, und ist ewig durch
sich selbst. Der junge Dichter kann nicht kühl, nicht besonnen genug sein. Zur
wahren, melodischen Gesprächigkeit gehört ein weiter, aufmerksamer und ruhiger
Sinn. Es wird ein verworrnes Geschwätz, wenn ein reissender Sturm in der Brust
tobt, und die Aufmerksamkeit in eine zitternde Gedankenlosigkeit auflöst.
Nochmals wiederhole ich, das ächte Gemüt ist wie das Licht, eben so ruhig und
empfindlich, eben so elastisch und durchdringlich, eben so mächtig und eben so
unmerklich wirksam als dieses köstliche Element, das auf alle Gegenstände sich
mit feiner Abgemessenheit verteilt, und sie alle in reizender Mannichfaltigkeit
erscheinen lässt. Der Dichter ist reiner Stahl, eben so empfindlich, wie ein
zerbrechlicher Glasfaden, und eben so hart, wie ein ungeschmeidiger Kiesel.
    Ich habe das schon zuweilen gefühlt, sagte Heinrich, dass ich in den
innigsten Minuten weniger lebendig war, als zu andern Zeiten, wo ich frei
umhergehn und alle Beschäftigungen mit Lust treiben konnte. Ein geistiges
scharfes Wesen durchdrang mich dann, und ich durfte jeden Sinn nach Gefallen
brauchen, jeden Gedanken, wie einen wirklichen Körper, umwenden und von allen
Seiten betrachten. Ich stand mit stillem Anteil an der Werkstatt meines Vaters,
und freute mich, wenn ich ihm helfen und etwas geschickt zu Stande bringen
konnte. Geschicklichkeit hat einen ganz besonderen stärkenden Reiz, und es ist
wahr, ihr Bewusstsein verschafft einen dauerhafteren und deutlicheren Genuss, als
jenes überfliessende Gefühl einer unbegreiflichen, überschwenglichen
Herrlichkeit.
