 volle Aussicht öffnete.
    Habe ich doch schon oft, rief Heinrich aus, mich an dem Aufgang der bunten
Natur, an der friedlichen Nachbarschaft ihres mannichfaltigen Eigentums
ergötzt; aber eine so schöpferische und gediegene Heiterkeit hat mich noch nie
erfüllt wie heute. Jene Fernen sind mir so nah, und die reiche Landschaft ist
mir wie eine innere Fantasie. Wie veränderlich ist die Natur, so unwandelbar
auch ihre Oberfläche zu sein scheint. Wie anders ist sie, wenn ein Engel, wenn
ein kräftigerer Geist neben uns ist, als wenn ein Notleidender vor uns klagt,
oder ein Bauer uns erzählt, wie ungünstig die Witterung ihm sei, und wie nötig
er düstere Regentage für seine Saat brauche. Euch, teuerster Meister, bin ich
dieses Vergnügen schuldig; ja dieses Vergnügen, denn es gibt kein anderes Wort,
was wahrhafter den Zustand meines Herzens ausdrückte. Freude, Lust und Entzücken
sind nur die Glieder des Vergnügens, das sie zu einem höheren Leben verknüpft. Er
drückte Mathildens Hand an sein Herz, und versank mit einem feurigen Blick in
ihr mildes, empfängliches Auge.
    Die Natur, versetzte Klingsohr, ist für unser Gemüt, was ein Körper für das
Licht ist. Er hält es zurück; er bricht es in eigentümliche Farben; er zündet
auf seiner Oberfläche oder in seinem Innern ein Licht an, das, wenn es seiner
Dunkelheit gleich kommt, ihn klar und durchsichtig macht, wenn es sie überwiegt,
von ihm ausgeht, um andere Körper zu erleuchten. Aber selbst der dunkelste
Körper kann durch Wasser, Feuer und Luft dahin gebracht werden, dass er hell und
glänzend wird.
    Ich verstehe euch, lieber Meister. Die Menschen sind Krystalle für unser
Gemüt. Sie sind die durchsichtige Natur. Liebe Matilde, ich möchte euch einen
köstlichen lautern Sapphir nennen. Ihr seid klar und durchsichtig wie der
Himmel, ihr erleuchtet mit dem mildesten Lichte. Aber sagt mir, lieber Meister,
ob ich recht habe: mich dünkt, dass man gerade wenn man am innigsten mit der
Natur vertraut ist am wenigsten von ihr sagen könnte und möchte.
    Wie man das nimmt, versetzte Klingsohr; ein anderes ist es mit der Natur für
unsern Genuss und unser Gemüt, ein anderes mit der Natur für unsern Verstand,
für das leitende Vermögen unserer Weltkräfte. Man muss sich wohl hüten, nicht
eins über das andere zu vergessen. Es gibt viele, die nur die Eine Seite kennen
und die andere geringschätzen. Aber beide kann man vereinigen, und man wird sich
wohl dabei befinden. Schade, dass so wenige darauf denken, sich in ihrem Innern
frei und geschickt bewegen zu können, und durch eine gehörige Trennung sich den
zweckmässigsten und natürlichsten Gebrauch ihrer Gemütskräfte zu sichern.
Gewöhnlich hindert eine
