 sind jetzt die
einzigen Quellen, durch die uns eine Kenntnis von der überirdischen Welt, so
weit wir sie nötig haben, zu Teil wird; und statt jener ausdrücklichen
Offenbarungen redet jetzt der heilige Geist mittelbar durch den Verstand kluger
und wohlgesinnter Männer und durch die Lebensweise und die Schicksale frommer
Menschen zu uns. Unsre heutigen Wunderbilder haben mich nie sonderlich erbaut,
und ich habe nie jene großen Taten geglaubt, die unsre Geistlichen davon
erzählen. Indes mag sich daran erbauen, wer will, und ich hüte mich wohl
jemanden in seinem Vertrauen irre zu machen. - Aber, lieber Vater, aus welchem
Grunde seid Ihr so den Träumen entgegen, deren seltsame Verwandlungen und
leichte zarte Natur doch unser Nachdenken gewisslich rege machen müssen? Ist
nicht jeder, auch der verworrenste Traum, eine sonderliche Erscheinung, die auch
ohne noch an göttliche Schickung dabei zu denken, ein bedeutsamer Riss in den
geheimnisvollen Vorhang ist, der mit tausend Falten in unser Inneres
hereinfällt? In den weisesten Büchern findet man unzählige Traumgeschichten von
glaubhaften Menschen, und erinnert Euch nur noch des Traums, den uns neulich der
ehrwürdige Hofkaplan erzählte, und der Euch selbst so merkwürdig vorkam.
    Aber, auch ohne diese Geschichten, wenn Ihr zuerst in Eurem Leben einen
Traum hättet, wie würdet Ihr nicht erstaunen, und Euch die Wunderbarkeit dieser
uns nur alltäglich gewordenen Begebenheit gewiss nicht abstreiten lassen! Mich
dünkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des
Lebens, eine freie Erholung der gebundenen Fantasie, wo sie alle Bilder des
Lebens durcheinanderwirft, und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen
Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht. Ohne die Träume würden
wir gewiss früher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar
von oben gegeben, doch als eine göttliche Mitgabe, einen freundlichen Begleiter
auf der Wallfahrt zum heiligen Grabe betrachten. Gewiss ist der Traum, den ich
heute Nacht träumte, kein unwirksamer Zufall in meinem Leben gewesen, denn ich
fühle es, dass er in meine Seele wie ein weites Rad hineingreift, und sie in
mächtigem Schwunge forttreibt.
    Der Vater lächelte freundlich und sagte, indem er die Mutter, die eben
hereintrat, ansah: Mutter, Heinrich kann die Stunde nicht verleugnen, durch die
er in der Welt ist. In seinen Reden kocht der feurige wälsche Wein, den ich
damals von Rom mitgebracht hatte, und der unsern Hochzeitsabend verherrlichte.
Damals war ich auch noch ein andrer Kerl. Die südliche Luft hatte mich
aufgetaut, von Mut und Lust floss ich über, und du warst auch ein heißes
köstliches Mädchen. Bei Deinem Vater gings damals herrlich zu; Spielleute und
Sänger waren weit und breit herzugekommen, und lange war in Augsburg keine
lustigere Hochzeit gefeiert worden.
    Ihr spracht vorhin von Träumen
