 dieser uralten Schrift zu
erraten. Der unbekannte Geist derselben erregt ein ungewöhnliches Nachdenken,
und wenn man auch ohne den gewünschten Fund von dannen geht, so hat man doch
tausend merkwürdige Entdeckungen in sich selbst gemacht, die dem Leben einen
neuen Glanz und dem Gemüt eine lange, belohnende Beschäftigung geben. Das Leben
auf einem längst bewohnten und ehemals schon durch Fleiß, Tätigkeit und Neigung
verherrlichten Boden hat einen besonderen Reiz. Die Natur scheint dort
menschlicher und verständlicher geworden, eine dunkle Erinnerung unter der
durchsichtigen Gegenwart wirft die Bilder der Welt mit scharfen Umrissen zurück,
und so genießt man eine doppelte Welt, die eben dadurch das Schwere und
Gewaltsame verliert und die zauberische Dichtung und Fabel unserer Sinne wird.
Wer weiß, ob nicht auch ein unbegreiflicher Einfluss der ehemaligen, jetzt
unsichtbaren Bewohner mit ins Spiel kommt, und vielleicht ist es dieser dunkle
Zug, der die Menschen aus neuen Gegenden, sobald eine gewisse Zeit ihres
Erwachens kommt, mit so zerstörender Ungeduld nach der alten Heimat ihres
Geschlechts treibt, und sie Gut und Blut an den Besitz dieser Länder zu wagen
anregt. Nach einer Pause fuhr sie fort: Glaubt ja nicht, was man euch von den
Grausamkeiten meiner Landsleute erzählt hat. Nirgends wurden Gefangene
großmütiger behandelt, und auch eure Pilger nach Jerusalem wurden mit
Gastfreundschaft aufgenommen, nur dass sie selten derselben wert waren. Die
Meisten waren nichtsnutzige, böse Menschen, die ihre Wallfahrten mit
Bubenstücken bezeichneten, und dadurch freilich oft gerechter Rache in die Hände
fielen. Wie ruhig hatten die Christen das heilige Grab besuchen können, ohne
nötig zu haben, einen fürchterlichen, unnützen Krieg anzufangen, der alles
erbittert, unendliches Elend verbreitet, und auf immer das Morgenland von Europa
getrennt hat. Was lag an dem Namen des Besitzers? Unsere Fürsten ehrten
andachtsvoll das Grab eures Heiligen, den auch wir für einen göttlichen Profeten
halten; und wie schön hätte sein heiliges Grab die Wiege eines glücklichen
Einverständnisses, der Anlass ewiger wohltätiger Bündnisse werden können!
    Der Abend war unter ihren Gesprächen herbeigekommen. Es fing an Nacht zu
werden, und der Mond hob sich aus dem feuchten Walde mit beruhigendem Glanze
herauf. Sie stiegen langsam nach dem Schloss; Heinrich war voll Gedanken, die
kriegerische Begeisterung war gänzlich verschwunden. Er merkte eine wunderliche
Verwirrung in der Welt; der Mond zeigte ihm das Bild eines tröstenden Zuschauers
und erhob ihn über die Unebenheiten der Erdoberfläche, die in der Höhe so
unbeträchtlich erschienen, so wild und unersteiglich sie auch dem Wanderer
vorkamen. Zulima ging still neben ihm her, und führte das Kind. Heinrich trug
die Laute. Er suchte die sinkende Hoffnung seiner Begleiterinn, ihr Vaterland
dereinst wieder zu sehen, zu beleben, indem er innerlich einen heftigen Beruf
fühlte, ihr Retter zu sein,
