 in einer langwierigen Rechnung
finden, wenn der andere die Natur jeder Begebenheit und jeder Sache gleich
unmittelbar anschaut, und sie in ihrem lebendigen, mannichfaltigen Zusammenhange
betrachten, und leicht mit allen übrigen, wie Figuren auf einer Tafel,
vergleichen kann. Ihr müsst verzeihen, wenn ich wie aus kindischen Träumen vor
euch rede: nur das Zutrauen zu eurer Güte und das Andenken meines Lehrers, der
den zweiten Weg mir als seinen eignen von weitem gezeigt hat, machte mich so
dreist.
    Wir gestehen Euch gern, sagten die gutmütigen Kaufleute, dass wir eurem
Gedankengange nicht zu folgen vermögen: doch freut es uns, dass ihr so warm euch
des trefflichen Lehrers erinnert, und seinen Unterricht wohl gefasst zu haben
scheint.
    Es dünkt uns, ihr habt Anlage zum Dichter. Ihr sprecht so geläufig von den
Erscheinungen eures Gemüts, und es fehlt Euch nicht an gewählten Ausdrücken und
passenden Vergleichungen. Auch neigt Ihr Euch zum Wunderbaren, als dem Elemente
der Dichter.
    Ich weiß nicht, sagte Heinrich, wie es kommt. Schon oft habe ich von
Dichtern und Sängern sprechen gehört, und habe noch nie einen gesehen. Ja, ich
kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen, und doch
habe ich eine große Sehnsucht davon zu hören. Es ist mir, als würde ich manches
besser verstehen, was jetzt nur dunkle Ahndung in mir ist. Von Gedichten ist oft
erzählt worden, aber nie habe ich eins zu sehen bekommen, und mein Lehrer hat
nie Gelegenheit gehabt Kenntnisse von dieser Kunst einzuziehn. Alles, was er mir
davon gesagt, habe ich nicht deutlich begreifen können. Doch meinte er immer, es
sei eine edle Kunst, der ich mich ganz ergeben würde, wenn ich sie einmal kennen
lernte. In alten Zeiten sei sie weit gemeiner gewesen, und habe jedermann einige
Wissenschaft davon gehabt, jedoch Einer vor dem Andern. Sie sei noch mit andern
verlohrengegangenen herrlichen Künsten verschwistert gewesen. Die Sänger hätte
göttliche Gunst hoch geehrt, so dass sie begeistert durch unsichtbaren Umgang,
himmlische Weisheit auf Erden in lieblichen Tönen verkündigen können.
    Die Kaufleute sagten darauf: Wir haben uns freilich nie um die Geheimnisse
der Dichter bekümmert, wenn wir gleich mit Vergnügen ihrem Gesange zugehört. Es
mag wohl wahr sein, dass eine besondere Gestirnung dazu gehört, wenn ein Dichter
zur Welt kommen soll; denn es ist gewiss eine recht wunderbare Sache mit dieser
Kunst. Auch sind die andern Künste gar sehr davon unterschieden, und lassen sich
weit eher begreifen. Bei den Mahlern und Tonkünstlern kann man leicht einsehn,
wie es zugeht, und mit Fleiß und Geduld lässt sich beides lernen. Die Töne liegen
schon in den Saiten, und es gehört nur eine Fertigkeit dazu, diese zu bewegen
