 Sylvester, der eingeborne Mittler jedes
Menschen. Es vertritt die Stelle Gottes auf Erden, und ist daher so Vielen das
höchste und letzte. Aber wie entfernt war die bisherige Wissenschaft, die man
Tugend oder Sittenlehre nannte, von der reinen Gestalt dieses erhabenen,
weitumfassenden persönlichen Gedankens. Das Gewissen ist der Menschen eigenstes
Wesen in voller Verklärung, der himmlische Urmensch. Es ist nicht dies und
jenes, es gebietet nicht in allgemeinen Sprüchen, es besteht nicht aus einzelnen
Tugenden. Es gibt nur Eine Tugend - - den reinen, ernsten Willen, der im
Augenblick der Entscheidung unmittelbar sich entschließt und wählt. In
lebendiger, eigentümlicher Unteilbarkeit bewohnt es und beseelt es das
zärtliche Sinnbild des menschlichen Körpers, und vermag alle geistigen
Gliedmaassen in die wahrhafteste Tätigkeit zu versetzen.
    O! trefflicher Vater, unterbrach ihn Heinrich, mit welcher Freude erfüllt
mich das Licht, was aus euren Worten ausgeht. Also ist der wahre Geist der Fabel
eine freundliche Verkleidung des Geistes der Tugend, und der eigentliche Zweck
der untergeordneten Dichtkunst die Regsamkeit des höchsten, eigentümlichsten
Daseins. Eine überraschende Selbsteit ist zwischen einem wahrhaften Liede und
einer edelen Handlung. Das müßige Gewissen in einer glatten nicht widerstehenden
Welt wird zum fesselnden Gespräch[,] zur alleserzählenden Fabel. In den Fluren
und Hallen dieser Urwelt lebt der Dichter, und die Tugend ist der Geist seiner
irrdischen Bewegungen und Einflüsse. Sowie diese die unmittelbar wirkende
Gottheit unter den Menschen und das wunderbare Widerlicht der höheren Welt ist,
so ist es auch die Fabel. Wie sicher kann nun der Dichter den Eingebungen seiner
Begeisterung oder wenn auch er einen höheren überirrdischen Sinn hat, höheren
Wesen folgen und sich seinem Berufe mit kindlicher Demut überlassen. Auch in
ihm redet die höhere Stimme des Weltalls und ruft mit bezaubernden Sprüchen in
erfreulichere, bekanntere Welten. Wie sich die Religion zur Tugend verhält, so
die Begeisterung zur Fabellehre, und wenn in heiligen Schriften die Geschichten
der Offenbarung aufbehalten sind, so bildet in den Fabellehren das Leben einer
höheren Welt sich in wunderbarentstandnen Dichtungen auf mannichfache Weise ab.
Fabel und Geschichte begleiten sich in den innigsten Beziehungen auf den
verschlungensten Pfaden und in den seltsamsten Verkleidungen, und die Bibel und
die Fabellehre sind SternBilder Eines Umlaufs.
    Ihr redet völlig wahr, sagte Sylvester, und nun wird es euch wohl
begreiflich sein, dass die ganze Natur nur durch den Geist der Tugend besteht und
immer beständiger werden soll. Er ist das allzündende, allbelebende Licht
innerhalb der irrdischen Umfassung. Vom Sternhimmel, diesem erhabenen Dom des
Steinreichs, bis zu dem krausen Teppich einer bunten Wiese wird alles durch ihn
erhalten, durch ihn mit uns verknüpft, und uns verständlich gemacht, und durch
ihn die unbekannte Bahn der unendlichen Naturgeschichte bis zur Verklärung
fortgeleitet.
    Ja und ihr habt vorher
