 Tier und der Mensch können zu allen Gegenden kommen; Alle Gegenden sind
die Ihrigen. So machen alle zusammen eine große Weltgegend, einen unendlichen
Gesichtskreis aus, dessen Einfluss auf den Menschen und das Tier eben so
sichtbar ist, wie der Einfluss der engeren Umgebung auf die Pflanze. Daher
Menschen, die viel gereisst sind, Zugvögel und Raubtiere, unter den Übrigen sich
durch besonderen Verstand und andre wunderbare Gaben und Arten auszeichnen. Doch
gibt es auch gewiss mehr oder weniger Fähigkeit unter ihnen, von diesen
Weltkreisen und ihrem mannichfaltigen Inhalt und Ordnung gerührt, und gebildet
zu werden. Auch fehlt bei den Menschen wohl manchen die nötige Aufmerksamkeit
und Gelassenheit, um den Wechsel der Gegenstände und ihre Zusammenstellung erst
gehörig zu betrachten, und dann darüber nachzudenken und die nötigen
Vergleichungen anzustellen. Oft fühl ich jetzt, wie mein Vaterland meine frühsten
Gedanken mit unvergänglichen Farben angehaucht hat, und sein Bild eine seltsame
Andeutung meines Gemüts geworden ist, die ich immer mehr errate, je tiefer ich
einsehe, dass Schicksal und Gemüt Namen Eines Begriffs sind. Auf mich, sagte
Sylvester, hat freilich die lebendige Natur, die regsame Überkleidung der Gegend
immer am meisten gewirkt. Ich bin nicht müde geworden besonders die verschiedene
Pflanzennatur auf das sorgfältigste zu betrachten. Die Gewächse sind so die
unmittelbarste Sprache des Bodens; Jedes neue Blatt, jede sonderbare Blume ist
irgend ein Geheimnis, was sich hervordrängt und das, weil es sich vor Liebe und
Lust nicht bewegen und nicht zu Worten kommen kann, eine stumme, ruhige Pflanze
wird. Findet man in der Einsamkeit eine solche Blume, ist es da nicht, als wäre
alles umher verklärt und hielten sich die kleinen befiederten Töne am liebsten
in ihrer Nähe auf. Man möchte für Freuden weinen, und abgesondert von der Welt
nur seine Hände und Füße in die Erde stecken, um Wurzeln zu treiben und nie
diese glückliche Nachbarschaft zu verlassen. Über die ganze trockne Welt ist
dieser grüne, geheimnisvolle Teppich der Liebe gezogen. Mit jedem Frühjahr wird
er erneuert und seine seltsame Schrift ist nur dem Geliebten lesbar wie der
Blumenstraus des Orients. Ewig wird er lesen und ich nicht satt lesen und
täglich neue Bedeutungen, neue entzückendere Offenbarungen der liebenden Natur
gewahr werden. Dieser unendliche Genuss ist der geheime Reitz, den die Begehung
der Erdfläche für mich hat, indem mir jede Gegend andre Rätsel löst, und mich
immer mehr erraten lässt, woher der Weg komme und wohin er gehe.
    Ja, sagte Heinrich, wir haben von Kinderjahren angefangen zu reden, und von
der Erziehung, weil wir in euren Garten waren und die eigentliche Offenbarung
der Kindheit, die unschuldige Blumenwelt, unmercklich in unser Gedächtnis und
auf unsre Lippen die Errinnerung der alten Blumenschaft brachte. Mein Vater ist
auch ein
