.
    Keine Anmerkungen! ich bitte Dich! Es war das Einzige was mir übrig blieb.
 
                           Neun und dreissigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Nein! keine Anmerkungen! aber hier einen Brief von Wilhelminen. Sie glaubt, er
würde durch mich am richtigsten besorgt werden. Das gute Mädchen weiß so vieles
noch nicht. - Mein Schutzgeist verhüte nur, dass sie nicht nach Juliens
Aufenthalt fragt. Ihre ganze Verachtung würde mich treffen; wenn ich nicht mit
Feuer und Schwert drein schlüge. Wäre sie hier, ich stünde Dir vor keiner
zweiten Entführung.
    Das arme Mädchen hat sich nur immer an den Schein gehalten. Sie glaubte Dich
frei, und Julie gefangen. Dich Du Unglücklicher! Einen Sklaven der wütendsten
Leidenschaft frei! -
 
                               Vierzigster Brief
                              Wilhelmine an Julie
Ich bin in der Schweitz; aber meine Erwartung ist nicht befriedigt. Blendender
Schnee auf den Bergen, schneidende Luft in den Tälern, die Menschen eben so
kalt und düster wie sie. O das alles ist mir fürchterlich zuwider!
    Ewiger Zank unter den Hohen, ewige Klage unter den Niedern. Mangel bei allem
Überfluss. Sklaverei bei allem Freiheitstrotz. Ach kein Feuer, keine
Lebendigkeit! Einsylbig, langweilig, das prosaischste Volk auf der Erde. (So
weit meine Wenigkeit sie gesehen hat.)
    Ja! donnernde Wasserfälle und schaurige Klüfte. Überhangende Klippen und
stürzende Lavinen. Wer Lust hat erschlagen zu werden, der kommt hier schon
recht.
    Ob ich das alles in einer andern Laune nicht anders gesehen haben würde?
Kann sein! aber ganz unwahr ist es nicht; darauf kannst Du Dich verlassen.
    Nein! nein! mit dieser grausenden, zügellosen Natur kann ich mich nicht
vertragen, mit diesen Menschen nicht sympatisieren. Was helfen mir die feisten
Kühe und die üppigen Wiesen? Was mir fehlt können sie mir nicht geben.
    Aber was fehlt mir denn? - Nun, fürs erste will ich glauben: ein milderer
Himmel, ein geistvolleres, lebendigeres Volk, Werke der unsterblichen Kunst, an
denen sich mein Geist laben und erheben kann.
    Italien! Italien! da will ich hin. Antonellis Mutter ist da. Auch die will
ich sehen. O was gäbe ich darum, dass sie arm wäre, oder sonst meiner Hilfe
bedürfte! Gewiss! sie wird mich lieben; denn ich werde ihr von dem Lieblinge
erzählen.
    Wäre ich die Mutter dieses Sohnes; Könige und Kaiser müssten mir weichen.
Ach! hätte ich nur ein Kind! nur ein einziges Kind! Ein solches Wesen, das ich
mit Todesquaal mir erkauft, mit Lebensgefahr mir erhalten hätte! - Ich wollte
alles! ja Dich selbst wollte ich darüber vergessen.
    Nur Geduld! nur Geduld! nur nicht gelächelt! es wird sich alles finden! - In
Italien gibt
