 wo es Tag ist? - Ich habe mir keine Mühe gegeben, Sinn in
Deine Worte zu bringen. Für mich sind sie nicht dunkel. Auch begreife ich sehr
wohl, dass Dir die Freude wie ein Schatten; aber nicht der Schmerz so erscheint.
    Wollte der Himmel! ich begriffe eben so leicht, wie man sich berufen glauben
kann, der ganzen Welt Schmerzen zu lindern, und gegen seine eigenen die
unmenschlichste Gleichgültigkeit zu behaupten.
    Mag die Natur es verantworten, wenn sie ein Geschöpf dem Andern zum Opfer
bestimmt. Aber das Opfertier darf sich wehren, es darf dem Verderben entfliehn.
Auch in ihm regt sich der Trieb des Lebens, mahnet es zum Genuss und zur
Erhaltung des Wohlseins. Wer verspottet nun die Gesetze der Natur? wer wird
dafür büßen? - -
    Zwei Weiber können sich nicht alles sein? - Schlimm genug? schlimm genug,
dass die Geschöpfe welche den Weibern dieses sogenannte Alles sein sollen, dieses
Alles so elend repräsentiren.
    Im ausschliessenden Besitze dessen, was den Geist erheben, ihn zur
Selbstüberwindung, zur Tugend entflammen kann, glauben sie sich zu den
ausschweifendsten Leidenschaften berechtigt. Nenne mir ein Laster, was sie nicht
an uns abscheulich, und an sich erträglich fänden? Nenne mir eine Tugend, die
sie nicht von uns foderten, um sie nach Wohlgefallen zu zerstören.
    Und die Natur sollte mich strafen; wenn ich mich nicht vor einem dieser
Sultane niederwürfe, überglücklich, dass er mir die Gnade erzeigte, seinen Fuß
auf meinen Nacken zu setzen? -
    Nein! nein! noch haben wir unsre fünf Sinne! und was die Natur auch
versuchen mag sie zu empören, sie sind der Fesseln gewohnt, und ohnehin, unter
allen Umständen, zu einer ewigen Sklaverei verdammt.
    Ich habe nichts zu gewinnen; aber ein unschätzbares Gut zu verlieren. Meine
Freiheit. Welch ein großes, seelenerhebendes Wort! Wo gäbe es ein Glück ohne
sie! wo gäbe es einen Schmerz, den sie nicht linderte. Wenn mich alles verlässt,
dann wird mein Herz mir die Welt.
 
                                 Fünfter Brief
                              Reinhold an Olivier
Warum verwechseltest Du mich immer mit Dir selbst? Lachen sollte ich? Was gäbe
es da zu lachen? - Es sei denn, dass Du etwas lächerliches ahnetest. Wäre das; so
müsste ich Dich bedauern, müsste glauben: Du sähest schon jetzt die Zeit im
Geiste, wo Dir das Höchste, was dem Menschen gegeben ist, wie ein Kinderspiel
erscheinen wird.
    Möge der Himmel Dich vor dieser törichten Weisheit bewahren. Einen Freund
hättest Du dann weniger.
 
                                 Sechster Brief
                              Olivier an Reinhold
Warum nun gleich so kurz und so bitter? Wahrlich Du irrst! Ach wenn ich ein
Spiel ahne; so ist es ein sehr ernsthaftes Spiel, und
