 - es ist seit einiger Zeit so viel Bitteres in ihrem
Wesen - und doch verdopple ich meine Aufmerksamkeit, suche ihre leisesten
Wünsche zu erraten. - Ach ist es denn meine Schuld, dass wir nicht mehr reich
sind? Gott weiß es! ich gebrauche ja so wenig, und arbeite vom Morgen bis in die
sinkende Nacht.
 
                                 Fünfter Brief
                              Wilhelmine an Julie
Ob es Deine Schuld ist? - Du reines unschuldiges Herz! Siehst Du denn nicht, was
ihr fehlt? - Alle ihre ausgeworfenen Netze zieht sie leer wieder zurück; während
Du köstliche Lilie, ohne es zu wissen und zu wollen, alles um Dich her
versammlest. Und dieser verderbten Frau wolltest Du Dich aufopfern? Dich einem
Mann hingeben, der Dich nicht einmal begreift! Dich nimmt, weil Du ein Weib
bist, und Deinen heiligen Kindersinn, den er jetzt nur duldet, einst auf das
schändlichste verspotten und missbrauchen wird.
    Julie! lass Dir raten! - sorge doch nicht für die Zukunft! Was mein ist ja
Dein! und wie oft soll ich Dir es wiederholen? ich heurate nicht, und wenn mein
Herr Vater das ganze Haus umkehrt. -
 
                                 Sechster Brief
                              Julie an Wilhelmine
Was denkt meine Wilhelmine von mir? - Ich sollte Schuld sein, dass eins der
reizendsten Mädchen einsam verblühte? - dass es einen glücklichen Mann weniger in
der Welt gäbe? - Nimmermehr! Auch ist das alles Schwärmerei. Weißt Du noch, wie
wir einmal beide ins Kloster wollten? - Ach sage was Du willst! sind wir mit
einem Mann nicht glücklich, ohne ihn sind wir es noch weniger.
    Bedarfst Du keiner Stütze, keines Schutzes? Bedarfst Du nicht der
Mutterfreuden, und gewiss auch der Mutterleiden, um ganz gebildet zu werden?
Bedarfst Du nicht der Härte, der Ungerechtigkeit eines gröber gebildeten Wesens,
um Deine ganze Weiblichkeit kennen zu lernen, und in ihrem Heiligtum Deinen
Himmel zu bilden? - Ist es nicht deswegen notwendig, dass es an Deiner Seite
stehe, um die Blicke der Menge anzuziehen? Wie könntest Du sonst, von allen
Weltändeln befreit, in der Stille nur Deiner höheren Bildung leben.
    Ach sage! merkst Du denn nicht den Willen der Natur? - Sie hasst alle
plötzlichen Übergänge, darum stellte sie das Weib zwischen den Mann und die
glücklicheren Wesen der künftigen Welt. Gewiss! dahin deuten alle unsere Leiden
und Freuden! Ja sogar das Bedürfnis der Männer. Sie verlangen offenbar etwas
mehr als bloß menschliches von den Weibern. Das gründet sich nicht auf
Ungerechtigkeit, sondern auf reinen Instinkt. Wenn wir mit Demut und kindlichem
Sinne dies glauben, werden es die Männer wohl dulden.
 
                                Siebenter Brief
                              Wilhelmine an Julie
Dulden! Herzchen, darüber habe ich bis zum Weinen gelacht. Allerdings
