 verliere, wenn sie unglücklich wird, mag ich das
ekelhafte Leben nicht mehr tragen.«
    Jetzt hielt sie plötzlich inne. Ich sah es, sie bereuete die letzten Worte.
»Teuerstes Fräulein! - sagte ich - mich dünkt, Sie fürchten zu sehr für ihre
Julie.« - »Nein! nein! rief sie - ach, Sie wissen nicht!« - »Ich weiß alles« -
fiel ich ein, und ward erst durch ihr Erstaunen meine Unbedachtsamkeit gewahr.
Sie hatte - aber dieser Brief wird ja ein Buch. Ein andermal davon.
 
                           Zwei und zwanzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Es wäre doch sonderbar, wenn Du mich besser kenntest als ich selbst. - Verändert
bin ich, das ist gewiss. Solltest Du es glauben? Alle meine kleinen Liebschaften
sind aufgegeben, ohne alle sinnliche Schadloshaltung aufgegeben.
    Was ist das nun? Ist es Schwärmerei oder Natur? - Denn sage was Du willst!
Ein Weib ist doch ein Weib, und wenn sie schön ist und ich gesund bin; so muss
ich als Mann ihrer begehren. Gleichwohl - Dank meiner Enthaltsamkeit - bin ich
gesünder als jemals, und doch scheint mir jede Berührung Enteiligung.
    Vormals ließ es sich erklären, aber jetzt, da ich keinem andern Weibe mich
nähere. - Wirklich! ich bin mir ein Rätsel. - Wenn die Engelgestalt mich
umschwebt, beugen sich unwillkürlich meine Knie, und hätte ich den verdammten
Hofmeister-Ton nicht angenommen, wer wüsste was ich täte.
    Sonderbar! schon seit ihrem zwölften Jahre hat die Mutter sie gewöhnt, mich
als ihren künftigen Mann zu betrachten. Gleichwohl habe ich sie noch immer wie
ein Kind behandelt! und weiß mich der Zeit zu erinnern, wo ich fest entschlossen
war, sie - trotz der Mutter Heiratsprojecten - als ein bloßes Amüsement zu
gebrauchen.
    Wodurch ist dieser stillsiegende Geist in das Mädchen gekommen? Von ihrer
Mutter hat sie ihn nicht, von ihrer Freundin Wilhelmine eben so wenig. - Sollte
es denn wirklich höhere Naturen geben, die unabhängig von Beispiel und
Erziehung, sich schwebend über allem Irdischen erhielten? Ach nimm es nur hin
das Bekenntnis, ich bin uneins mit mir selbst - ich weiß nicht mehr was ich
glaube.
 
                           Drei und zwanzigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Ob es Schwärmerei oder Natur ist? - Warum soll Schwärmerei der Natur
entgegengesetzt werden; da sie in der Natur gegründet ist? - Man denkt sich
darunter ein Losreissen von allem Sinnlichen, ein Umherschweifen in höheren
Regionen, wo keine Erfahrung uns folgt. Aber diesem Losreissen verdanken wir das
Edelste was wir haben. Ohne Schwärmerei hätten wir keine Philosophen und keine
Dichter, keine Religion, keine Kunst und keine Wissenschaft. Vor der Entdeckung
Amerika's war Kolumbus ein Schwärmer, und
