, kurz überall finden. Wer aber die Menschen kennt, die hier
wohnen, der wird bald das Übereinstimmende in diesen anscheinenden
Ungleichheiten finden. Die Gräfin ist eine vortreffliche Frau; mit wahrer
Religiosität ehrt sie das Gemüt ihres Gemahls und alles, was ihm heilig ist.
Darf man ihr wohl keinen Sinn für das Schöne zutrauen, weil sie nicht wie die
Kinder alles gewohnte Spielzeug zerstört, immer nach Neuem greift, und das
letzte jedesmal für das Schönste hält?« - »Was ich sie über Werke der Kunst habe
sprechen hören, verriet gewiss keinen gemeinen Sinn«, sagte Florentin. - »Sie hat
große Reisen gemacht und viele der vorzüglichsten Kunstwerke selbst zu sehen
Gelegenheit gehabt. Doch kommen Sie jetzt, man wird uns erwarten; ich will
vorher zusehen, ob der Graf nicht in seiner Bibliothek ist, ich habe ihn heute
noch nicht gesehen, vielleicht geht er dann mit uns hinunter.« - »Ich begleite
Sie.« -
    Sie traten in das Kabinett des Grafen, er war nicht mehr darin. Ein großes
Gemälde zog Florentins Aufmerksamkeit auf sich. - »Einen Augenblick noch,
Eduard! Die heilige Anna, die das Kind Maria unterrichtet.« - »Wie finden Sie
das Gemälde?« - »Es scheinen Porträte zu sein; in dem Kinde erkenne ich Julianen
wieder.« - »Sie ist es auch in der Tat.« - »Es ist nicht übel gemalt; ganz
vorzüglich ist aber das Charakteristische in den Köpfen sowohl, wie in der
ganzen Anordnung des Gemäldes. Die horchende Aufmerksamkeit, die Begierde nach
dem Unterricht, und der Glaube in dem Kinde, wie der Hals, der Kopf, mit dem
Blick zugleich, sich vorwärts und in die Höhe richtet, der halbgeöffnete Mund,
als fürchtete sie etwas zu verhören, und als wollte sie die Lehren durch alle
Sinne in sich auffassen. dabei die Hingebung, das Vergessen ihrer selbst in der
kleinen Figur, die halb liegend sich dem Schoss der Anna anschmiegt; es ist
schön, und zart gefühlt. Und diese Anna, gewiss eine Heilige! Diese Hoheit,
dieser milde Ernst in den verklärten Augen! mit welcher Liebe sich ihr Haupt zu
dem Liebling hinneigt, sich ihre Tugend lehrenden Lippen öffnen! Ruhe und Würde
in der ganzen Gestalt, und wie erhaben diese Hand, die gegen den Himmel zeigt!
Ist auch diese Anna ein Porträt?« - »Es ist eine Schwester des Grafen, die er
vorzüglich liebt; Gräfin Klementina; Sie haben uns schon von ihr sprechen hören,
sie wird von uns gewöhnlich die Tante genannt. Juliane hat ihre erste Erziehung
bei dieser Tante erhalten; die Mutter hatte sie ihr, da sie ihre Jugendfreundin
ist, und ihres ganzen
