
Melancolie. Heinrich hatte geirrt, nicht die erhabene, nur die liebliche Natur
konnte mich heilen. - Jene zeigt sich dem Schuldigen wie eine strenge,
unerbittliche Richterin, diese wie eine milde segnende Mutter.
    Mein krankes Herz bedurfte der Schonung, meine ermattete Seele einer
leichten geistigen Nahrung - wo hätte ich sie mehr finden können, als in dem
gebildeten Genf? -
    In der Tat, meine Heiterkeit wuchs zusehends, mit jedem Siege über meine
Sinnlichkeit fühlte ich mehr Kraft, sie zu bekämpfen, und ich ward mit Heinrich
um so inniger verbunden, je mehr ich durch mich selbst die Möglichkeit einer
ungeheuchelten Jugend begreifen lernte.
    So glaubt der prüfende Mensch nur dann erst an das Göttliche, wenn er es in
seinem eigenen Herzen entdeckt. Ach was nicht vom Anfange in ihm war, bleibt ihm
auf ewig verborgen! - Die Dinge sind ihm nur das, was er sie werden lässt, nicht
sie, nur sich selbst erkennt er in ihnen. Von allem was ihn umgibt, kann er nur
sagen es scheint - von seinem Gewissen allein es ist.
                                Drittes Kapitel
Von dem allen war ich jetzt lebhaft überzeugt; aber dennoch erwachte manchmal
der Geist des Widerspruchs in mir. Ich konnte es Heinrich nicht verzeihen, dass
er mich so tief hatte sinken lassen; ob er mir gleich bewies: dass er ohne
Gewalttätigkeit nichts mehr für mich habe tun können.
    »Zugegeben!« - rief ich - »aber leugne es wenn du kannst! ihr lasst dem
Laster nicht Gerechtigkeit widerfahren; und dadurch stürzt ihr uns arme
sinnliche Menschen. Eure Tugend hat noch immer die Mönchsgestalt, und Euer
Laster ist ein zähnfletschendes Ungeheuer. Ach wir Unglücklichen! so erscheint
es uns nicht! -
    »Wenn ich nicht irre« - antwortete er, mit seinem zärtlich wehmütigen
Lächeln - so declamirte ein gewisser junger Mann in seiner Kindheit, den Vers
des ehrlichen Gellert recht artig: Des Lasters Bahn ist Anfangs zwar ein breiter
Weg durch Auen - - - -
    »Ach geh doch!« - rief ich - »ich wusste damals eben so wenig von welchen
Auen die Rede war, als ich jetzt die Auen im Monde kenne! - das ist eben das
Unglück, dass Ihr genug getan zu haben glaubt, wenn Ihr uns schwatzen lehrt.
    Heinrich. Nun, das dächte ich wäre doch jetzt bei der Erziehung nicht mehr
der Fall.
    Ich. Jetzt! - jetzt mehr als jemals! und was wird Euer Zögling antworten?
wenn ihm die Völker am Ufer des Ganges, die Insulaner der Südsee, oder einige
arabische Horden versichern: dass sie ganz andere Begriffe von Tugend haben als
er? -
    Er. Das was etwa ein Grieche, der den Apoll für das Ideal der menschlichen
Gestalt
