
aller Sinne mein Gedicht allen Sinnen übergeben, da ich in der Malerei das ganze
weite vielgestaltete Bild auf die Macht des Auges beschränken muss, ich muss einen
Sinn zum Richter der unendlichen Phantasie machen, und mit den Farben die
Sprache erreichen wollen. - - Die Besinger sind den Malern so unähnlich als die
Sänger den Bemalern - der Dichter ist größer als der Maler, denn der erste hat
mehr gedichtet als er malen konnte, der letztere aber kann nie malen, was er
dichtete. Zum Maler bin ich zu klein, welch Lied würde das werden?
    Alles dies hatte ich gedacht; und gefühlt, dass die Kunst mir nimmer die
Liebe ersetzen kann. Diese künstliche Kunst! So war ich, als ich meinen Sohn
fand - o könnte jeder, der einen Misston in der Liebe griff, sich auf diesen
Einklang retten. Diesen kann man mir nicht nehmen, nicht ich, nicht die Pflicht,
nicht der Überdruss. Er ist von mir, er ist mein wieder beginnendes Leben, und
wenn ich noch so viele Grundsätze zu befolgen habe, so kann dieser doch nie
wegräsonniert werden.
    Oft ist mirs sehr wunderbar zu Mute mit den Grundsätzen, ich kann sie dann
gar nicht begreifen, und möchte dann so ein halb Dutzend Grundsätze auf den Kopf
stellen, und sie umgekehrt befolgen, gar nicht aus Verachtung der Grundsätze,
nein - aus lauter Langeweile. Grundsätze? - das ist mir so gar schwerfällig, als
sollte ich eine Bastille aus Quadersteinen von Grundsätzen in mir erbauen, um
die Gelüsten darin einzusperren; ich sage die Gelüsten, denn wer kann die Tat
erwischen, wenn sie geboren ist? Erklärt sie vogelfrei, sie ist unendlich
geschwind, und fällt in die Anlage zur Handlung, wie ein Funke in das Pulver;
nimmer werdet ihr sie bändigen, denn sie ist das Leben.
    Godwi hat seinen Bedienten, der mich in meiner Morgens-Wallfahrt so
unangenehm störte, einem Landedelmann, der mit seinem Sohne hier auf dem
Landtage ist, überlassen, und von diesem Bedienten weiß ich, dass er bei Ihnen
ist.
    Der gute naive Landjunker, der aus Unerfahrenheit mit den Sitten der Stadt
einen Platz in meiner Loge nahm, erzählte mir viel von einem seltsamen Herrn
Baron Godwi, der bei ihm gewohnt habe, und ich erfuhr mit einigem Unwillen, dass
er mit der Schwester des Junkers recht vertraut gewesen sei, so dass es diesem
wie eine pur angelegte Sache vorgekommen ist, wie er sich in seiner Unschuld
ausdrückte.
    Nun so bin ich dann schon vergessen; oder ist er einer von den Mächtigen,
deren Leichtsinn Universalität, deren Treue Einseitigkeit, deren Langeweile
Tiefe, deren Schwärmerei Höhe ist? -
    Küssen Sie Ihre Otilie, danken Sie ihr für ihre Mühe
