 träten sie vor mich und sagten flehend zu mir: O, gib uns
eine Seele und ein Leben, dass wir deinesgleichen seien, dass wir mit dir sein
können und mit dir lieben. Ich stehe vor ihnen wie ein Spiegel, sie sehen in
mich und ich in sie, und sie sinken vor mir hinab, denn ich kann sie nicht
befestigen. Im Leben muss ich sie sehen, um sie freudig zu erblicken. Nichts kann
ich umarmen, denn mir ist die freie Liebe versagt. Zwischen mir und dem
Geliebten muss die Poesie stehen, die von mir selbst ausgeht. Wenn er mich
umarmt, und ich mich in ihm umfasse, so ist die Gestalt in mir und ihm, und ich
habe gedichtet.
    So wie mir das einzige Talent des Bildens in der Geschlechtsliebe liegt, so
ist wohl durch die Stummheit mancher Sänger verstummt, so wie der größte Maler
blind, und der größte Tonkünstler taub geblieben sein mag. Aber diesen letztern
bleibt ein Ausweg, die Poesie ist und bleibt die Seele ihres Drangs zu bilden,
und sie sind Maler, Sänger oder Tonkünstler geworden durch die größere Macht
eines einzelnen Organs in ihnen. So kann denn aus den Gemälden des Blinden eine
Musik oder ein Gedicht werden, und aus der Musik des Tauben ein Gemälde. - Nur
der Größte und Gesundeste und Freudigste kann ein großer Dichter werden, der
alles dichtet, denn wem die Macht der Ausübung und des Stoffs, das Leben und der
Genuss im vollen blühenden Gleichgewichte stehen, der wird und muss ein Dichter
werden.
    Menschen mit voller Lebensfähigkeit, und so auch ich, stehen immer im Kampfe
mit dem geregelten Leben. Sie sind bloß für das Dasein, und nicht für den Staat
gebildet. Schmerzhaft schlägt sie die bürgerliche Gesellschaft in das eiserne
Silbenmass der Tagesordnung, und sie kämpfen, und verderben, weil die Liebe in
ihr in das Handwerk des Ehestands gewaltsam eingezünftet ist. Häusliches Glück
und gesellige Freude trägt man ihnen auf, die nur weltliches Glück und Freude
des Universums erkennen. Viele, die frühe schon in diesem Kerker eingefangen
sind, ja die in ihm die Augen eröffnen, siechen mit ihrer größeren oder geringeren
Anlage fort, oder brechen durch übergrossen Reiz einseitig hervor, und der
geringste muss wenigstens in einem Fieber, in einem Rausche, und oft schrecklich
im Wahnsinn, der ewigen Poesie ihren Tribut bezahlen. Solche heftige Reize sind
Einsamkeit, Freundeslosigkeit, und Eitelkeit. -
    Nimmer werde ich das wunderbare Mädchen vergessen, die ein junges Opfer des
Lebens fiel. Kordelia war innig an mich gefesselt, und glücklich, da ich noch
unfähiger meine Glut in unbestimmte Sehnsucht ergoss, und doch wendete ich mich
schon leise zur Sinnlichkeit, und konnte keine weite Aussicht ertragen. Sie war
