 und so aus uns verderbten und verkehrten Wesen die entarteten
Gliedmaßen herzustellen, die den Torso ergänzen sollen.
    Wenige Schöne sind mehr in der Welt, die durch Unwissenheit sich schuldlos
fühlen, die das Verlorne nicht suchen, weil sie es nicht vermissen, indem die
freie Liebe, die Mutter aller Kunst, in ihnen wohnt. Wie reine Wesen erblicken
sie den Spiegel, in dem sie sich spiegeln, und tragen aus der Welt mit ihrem
eignen Bilde die Welt in sich zurück. Sie durchströmt das Leben, das sie selbst
durchströmen, und das Schaffen, das sie mit dem Ganzen in sich aufnahmen,
schafft unwillkürlich wieder in ihnen. Wie alle mit der süßen Gewalt der
Geschlechtsliebe im Innern auf die rege Bahn treten, so treten nur wenige mit
der Allmacht der freien Liebe ins Leben. Denn das Schaffen liegt im
Geschaffenen. So wie die Materie aus ihrem allgemeinen Dasein in der
Geschlechtsliebe in die Vereinzlung und Ähnlichkeit des Liebenden tritt, so
spricht auch die freie Liebe den Geist, oder die Gottheit, in schönen
Kunstwerken aus, indem sie das Unendliche in die Form ihrer Ähnlichkeit trägt
und dieser Form ein Leben im Einzelnen gibt. Durch eben diese Vereinzlung
werden wir sonderbar gerührt, weil die Mannichfaltigkeit bis zur Unkenntlichkeit
in ihr gebunden ist, das Einzelne ungeheurer und seltsamer vor uns steht, und
wir erregt werden, indem wir das vor uns und mit uns leben sehen, worin und
wodurch wir leben. - Über ein schönes Kind kann ich mich ebenso sehr freuen als
über ein schönes Kunstwerk, weil diese zwei Arten sehr in mir zusammenhängen und
ich zu der ersten eine größere Fähigkeit habe. Je mehr der einzelne Teil der
Göttlichkeit in dem Werke in sich selbst geründet ist, je weniger schmerzhaft
dem Blicke der Übergang von dem Alleinstehen des Einzelnen in die volle
Verbindung des Lebens ist, je schöner ist das Werk, je reiner, je vollkommener
ist ein Sinn hingestellt, ohne uns an das traurige Vermissen des Ganzen zu
mahnen.
    Die meisten Verbindungen der Künste zu einem Einzelnen werden mir daher
grässlich und erhalten etwas sonderbar Totes und Ekelhaftes. Masken und
Wachsfiguren können mir nie schön werden. Unsre Stümperei erscheint hier
verbunden mit unsrer Unwissenheit. Die Farbe darf nie mit der greiflichen toten
Form zusammenkommen, denn sie begleitet nur den Wechsel, indem sie sich selbst
nicht angehört, sondern dem Lichte. - Deswegen sind Augäpfel an der Bildsäule so
unerträglich. Denn eine Bildsäule soll nur die Oberfläche aussprechen, sie
erscheint mir wie ein umgekehrtes erdichtetes Leben, in dem die Seelenäusserung
von außen nach innen geht. -
    Ich habe Ihnen geschrieben, wie es mir mit dem Singen erging, mit dem
Zeichnen und Malen wird es mir nie anders ergehen. Ja hätte ich das reizende
Bild in mir,
