 nie geworden, was
sie hätte werden können, wenn die Natur an ihrer Wiege gestanden und sie als
Jungfrau begleitet hätte. Sie ist kein Wesen, das die Mitgabe der Schöpfung
ruhig zu einer eigenen schönen Wohnung erbaut hat. Sie lief nicht glücklich auf
dem Meere des Lebens aus. Sie ist zurückgekehrt, und hat sich aus den Trümmern
ihres Charakters und ihrer Meinungen mit ihren Erfahrungen ein Dasein gebildet,
das ihr gerade deswegen angemessen ist, weil es allen andern auffällt. Sie hat
nicht, was das Weib allein bezeichnen soll, das Schöne allein; sie hat nur das
Große, das Erhabene, das uns aus dem Kampfe zurückbegleitet. Huldigung und
Bewunderung ersteht und beugt sich in jedem, der vor sie hintritt, aber keiner
wird es wagen, das Schöne in ihr zu suchen, das wir in dem Weibe suchen sollen,
insofern es edel ist und uns angehört. Sie wird jeden erschüttern, ihn richtig
beurteilen und lieben, insofern es ihm gut sei. Ein Starker kann sie nicht
lieben, denn er findet seine Größe nur in sich und wollte seine Schönheit in ihr
suchen, wo er aber nichts finden kann als eine bisarre Erhöhung seines Wesens.
Eigenliebe kann zu ihr hinreißen; man staunt und freut sich, wenn man
geschmacklos ist, sich in so bunten und grellen Farben gekleidet zu sehen. Man
liebt aber nicht, weil man sich nicht verschönert wiederfindet. Sie hat es durch
die Kunst weit gebracht. Alle ihre Handlungen sind mit äußerer Anmut angetan,
und tragen das Gepräge einer freien, vorurteillosen Moralität. Dieses ist auch
der stete Ausdruck ihres Gesichts, in der Ruhe und Erregung. Aber jeder
natürliche Mensch wird gerade durch diese Freiheit, durch diese öffentliche
Entblössung von allen Vorurteilen zurückgeschreckt. Er ist gewohnt, dass die Natur
in ihm leise und verschämt die Wahrheit entwickele, zu der er dann wieder das
durchsichtige Gewand wird; - er erschrickt, wenn die Form von dem Geiste
plötzlich wie der Schleier von der Nacktheit herabgerissen wird. Es gibt eine
Ansicht der nackten Schönheit, die uns zur Demut niederzwingt. Das bürgerliche
Leben ist zu sehr Kerkerdunkel, als dass wir es wagen könnten, plötzliches Licht
hereinbrechen zu lassen - was uns demütiget, können wir nicht lieben. - Joduno,
das gute, muntere Mädchen, konnte mich nur reizen, weil ich von jener kam. Die
Welt spielte damals mit mir, und es war in mir eine unwillkürliche Erwiderung
dieses Spiels, dass ich mit Joduno auch spielte. Sie war die erste, in der die
Welt vor mich trat, und so kindisch, so zum Spielen geneigt. Mein Umgang mit ihr
verschwindet in seinen Ursprung, in ein undeutliches Gefühl, das über meinem
Herzen wie der Hauch auf dem Spiegel lag
