 damit der Raum, der mich vom Ziele trennt, stets kleiner wird, und
endlich nur dem Seher sichtbar bleibt.
1800. Juni.
                                                                           Maria
 
                                  Erster Brief
                                 Godwi an Römer
                                                              Schloss Eichenwehen
Hu! es ist hier gar nicht heimisch, ein jeder Federstrich hallt wider, wenn der
Sturm eine Pause macht. Es ist kühl, mein Licht flackert auf einem Leuchter, der
aus einem in Silber gefassten Hirschhorne besteht. In dem Gemache, in dem ich
sitze, herrscht eine eigene altfränkische Natur; es ist, als sei ein Stück des
funfzehnten Jahrhunderts bei Erbauung des Schlosses Eichenwehen eingemauert
worden, und die Welt sei draußen einstweilen weitergegangen. Alles, was mich
umgibt, misshandelt mich, und greift so derb zu wie ein Fehde-Handschuh. Die
Fenster klirren und rasseln, und der Wind macht ein so sonderbares Geheule durch
die Winkel des Hofes, dass ich schon einigemal hinaussah und glaubte, es führen
ein halb Dutzend Rüstwagen im Galopp das Burgtor herein.
    Diesem äußern Sturme hast du meinen Brief zu danken, er stürzt sich zwischen
mir und meiner Umgebung wie ein brausender Waldstrom hin, und alle Betrachtungen
liegen am jenseitigen Ufer. So muss ich dann meine Zuflucht in mich zurück, in
mein Herz nehmen, wo du noch immer in der Stellung der Abschiedsstunde gegen mir
über in unserm Garten sitzest und mir gute Lehren gibst.
    Es ist oft so, wie in diesem Augenblicke, und ich glaube, dass der Sturm in
der Natur und dem Glücke, ja dass alles Harte und Rauhe da ist, um unsern
unsteten Sinn, der ewig nach der Fremde strebt, zur Rückkehr in die Heimat zu
bewegen. Wenn draußen der wilde Sturm in vollen Wogen braust, dann habe ich nie
meinen so oft beklagten Drang nach Reisen empfunden. Mein Ideal - kennst du es
noch? - verschwindet in der Nacht. Ich wünsche nicht, zwischen hohen
schwarzbewachsnen Bergwänden, ein liebliches leichtsinniges Weib an meiner
Seite, auf weißer mondbeglänzter Bahn, im leichten Wagen hinzurollen; dass mir
die schönste Heimat in dem Arme ruht, die mich nie mit trägen Fesseln bindet,
wo, Ring an Ring gereiht, höchstens ein bewegliches Einerlei entsteht; dass vor
mir laut das muntere Horn des Schwagers die lockenden Töne nach der Fremde
glänzend durch die Büsche ruft, und Echo von allen Felsen niederspringt, und
alles frei und froh die verbotenen Worte durch die Nacht ruft:
So weit als die Welt,
So mächtig der Sinn,
So viel Fremde er umfangen hält,
So viel Heimat ist ihm Gewinn.
Nein, alles dieses nicht; ich empfinde dann fast die Zulänglichkeit von guten
Familiengemälden, wo es ohne Zugluft hergeht, und keiner in die Hitze trinkt,
und jeder Husten oder Schnupfen von gutem Adel ist und viele
