 mir nicht
schwer, mich allein zu denken; denn wir sind nie mehr allein als bei einer Menge
von Umständen, die ganz und gar verschieden von uns sind. In den Eindrücken der
Anlagen liegt Pracht, Reiz, Rührung und Beruhigung abwechselnd, und der Fehler
nach meiner Meinung liegt in der zu großen Ähnlichkeit dieser Eindrücke mit dem
Augenblicke und seinen Freuden, die nur einen Augenblick brauchen, es nicht mehr
zu sein. Jedes Einzelne ist nur Einzelnes, indem es das vergangene Einzelne
verschluckt. Man kann hier nichts als dem Tode der Vergangenheit nachweinen,
durch die Geburt der Gegenwart überrascht werden, und kommt man zu sich selbst,
so ist ihr Leben höchstens noch das Nachundnach des Verschwindens. So ist auch
hier durch die Zusammenstellung aller dieser Verschiedenheiten keine Gegenwart,
man sieht nicht, man sieht nur nach und entgegen. Den schweigenden Geist der
Musik, den mir ein marmorner Faun, der in der größten Vollkommenheit auf einem
hohen Felsen zwischen Gebüschen ausgehauen ist, zu ahnden gibt, zerstört der
Körper der Musik, der mir aus den Glöckchen am chinesischen Hause sinnlich
entgegengaukelt. Der Reiz einer mediceischen Venus, dessen Zauberlicht durch die
Schatten kosender Zweige hervorbricht erfüllt mich mit den Schauern der Kunst
und der Natur. Die Lüge der Kunst ist so unausstehlich wahrscheinlich, dass die
reizendste, seltenste Möglichkeit durch die Verführung der Unmöglichkeit mich in
Begierden durchzittert; ich möchte mich in diese steinerne Flut stürzen, dass die
Wogen des Genusses über mir zusammenschlügen, und kann doch nichts fühlen,
nichts sehen als den Satyr meiner getäuschten Sinnlichkeit, der allmächtig meine
Vernunft wie eine weinende zarte Nymphe davonschleppt. Lüstern folgen meine
Blicke meiner Begierde, die trunken über die Wellenlinie der Grazie hintaumelt
und an der gefährlichsten Stelle hinter dem Aste einer Zypresse entweicht: so
hängt die Angst der Nachwehen um die Schläfe des Genusses - O warum muss der
Trank der Freude ein heller Trank sein, dass man bei dem kleinen Masse, das uns
gereicht ist, immer den Boden sieht? Sollte man nicht, wie Diogenes, den Becher
wegwerfen, und lieber aus seiner Hand trinken, die selbst vom Rausche zittert;
nicht lieber den Rausch aus dem Becher trinken, der selbst berauscht ist, da wir
nicht schwimmen können, um uns in der allgemeinen Masse zu erfreuen, deren Tiefe
uns keinen Boden sehen lässt? Weg mit dir, Freudenstörer! schrie ich den
Zypressenast an, und dies ist wahrlich das Zweckmässigste, was ich in meinem
Leben gesagt habe, sowie das Zweckmässigste, wo nicht das Mässigste, was ich in
meinem Leben gelesen habe, die Worte sind: Weg mit dem dummen Halstuch, was soll
das dumme Halstuch! Weg mit dir, Freudenstörer! Wer über dem Zählen der Falten
auf der Stirne der Zukunft
