 weg, welche zuhörten. Die Unschuld
ist sich selbst die größte Freiheit und andern Beschränkung.
 
                               Annonciatens Bild
Am Hügel sitzt sie, wo von kühlen Reben
Ein Dach sich wölbt durchrankt von bunter Wicke,
Im Abendhimmel ruhen ihre Blicke,
Wo goldne Pfeile durch die Dämmrung schweben.
Orangen sind ihr in den Schoss gegeben
Zu zeigen, wie die Glut sie nur entzücke,
Und länger weilt die Sonne, sieht zurücke
Zum stillen Kinde in das dunkle Leben.
Der freien Stirne schwarze Locken kränzet
Ihr goldner Pomeranzen süße Blüte,
Zur Seite sitzt ein Pfau; der in den Strahlen
Der Sonne, der er sehnend ruft, erglänzet.
Mit solchen Farben wollte das Gemüte
Von Annonciata fromm ein Künstler malen.
 
                                  Mariens Bild
Im kleinen Stübchen, das von ihrer Seele
An reiner Zierde uns ein Abbild schenket,
Sitzt sie und stickt, den holden Blick gesenket,
Dass sich ins reine Werk kein Fehler stehle.
Was ihres Busens keuscher Flor verhehle
Und ihre Hand in stillem Fleiße lenket,
Die Lilie an ihrer Seite denkt,
Das Täubchen dir in ihrem Schoss erzähle.
Durchs Fenster sehen linde Sonnenstrahlen,
Die Josephs Bild, das eine Wand bedecket,
Mit ihrem frohen Glanze heller malen,
Und wär der Schein der Taube zu vereinen,
Die sie herabgebückt im Schoss verstecket,
Marie würde Mutter Gottes scheinen.
Ich ging früh nach der Eremitage an meine Arbeit, und als ich zum Fenster
hinausblickte, und die Fische in dem hellen Teiche munter hin und wieder spielen
sah zu den Füßen des Marmorbildes, wünschte ich recht herzlich, auch nicht mehr
von ihm zu wissen als so ein Hecht oder Karpfe, denn eine Geschichte aus bloßem
Respekt gegen den Leser zu schreiben, ist unangenehm; überhaupt bin ich ein
großer Feind von Arbeiten, wenn die anderen Geschöpfe alle zum frohen Müssiggange
aufstehen. Die Vögel sangen, die Bäume säuselten, die Fische plätscherten im
Wasser, und ich musste schreiben.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
                Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern
Annonciata hatte dem Glücke ihrer Schwester mit Freuden zugehört; in ihrem Busen
aber war Schmerz, sie verbarg vieles, und hatte keinen Freund.
    Solche Menschen werden nie glücklich, denn das gewöhnliche Leben allein
befriedigt die Bedürfnisse, und ist es gleich so schön, wenn eine Seele in
reinerm, höherm Umgange der Liebe steht, so sind diese Wesen doch nur arme
Kinder, denn vom Himmel kommt nur Begierde, und zwar die unendliche Begierde,
die auf Erden keine Hilfe, keinen Frieden findet. Wer das Haupt im Himmel trägt,
dem verwelket das Herz in der drückenden, niederen Sphäre.
    Annonciata hatte vieles im Herzen, dessen Vertraute sie selbst nicht war.
Zwar hatte sie eine Freundin an einer Witwe, die von einem kleinen Vermögen in
der nämlichen Stadt lebte; aber auch
