 stillen treibenden
Geschäfte der Wandlung, und es gibt wenige Gegenden, die nicht einen andern
Menschen als mich bedürften.«
    »Nur der allgemeinste Mensch,« sagte Godwi, »nur ein Mensch, der groß,
glücklich und gesund ist, kann ohne Druck den ganzen Umfang der
Naturanschauungen ertragen. Jeder Einzelne hat seine eigne Natur, vor der er
gleich einem höheren Bilde steht, welches mit Rührung auf seine Geschichte
zurücksieht. Ich empfinde mit Freuden, wie ich seit einiger Zeit mehrere Arten
der Aussicht liebe, die mich sonst verwundeten, und dies ist mir eine Erfahrung,
welche mir eine Erweiterung meiner selbst versichert.«
    »Mir ist noch nicht so,« sagte ich, »ich kenne nur eine Aussicht bis jetzt,
und habe noch keine Landschaft gesehen, die mir wohl tat, als diese, und wäre
meine Gestalt von meinem Gemüte ganz durchdrungen, könnte ich überhaupt jemals
mich selbst vorstellen, so hätte in diese Landschaft ein Maler keine Figur als
die meinige stellen dürfen, um nicht aus der Haltung zu fallen.«
    »Wo ist diese Aussicht?« fragte Godwi, »wenn Sie sie nicht wie eine Geliebte
verbergen.«
    »Am Rhein, auf einer herrlichen Stelle.«
    »Gut, so habe ich sie wahrscheinlich auch gehabt, und es sind wirklich
Gesichtspunkte am Rhein, die ich nicht auszusprechen wage.«
    »Ich saß höher als der höchste Berg der Gegend, auf der Spitze eines jungen
Baumes, den eine mutige Hand in die höchsten Trümmern eines zerstörten Turmes
gepflanzt hatte; über Untiefen von Wald, die wie Katarakte und stürmende Heere
unter meinem Blicke auf und nieder stürzten, brauste der herrliche Fluss des
üppigen Friedens und der trotzigen Ruhe. Ringsum weit die Städte und Flecken
hingesäet, viele tausend Blicke auf meinen Standpunkt gerichtet, in tiefer
Einsamkeit, Vor- und Nachwelt um mich aufgelöst in ein unendliches Gefühl des
Daseins. Ich hatte ein trauriges Herz voll verschmähter Liebe da hinaufgetragen,
so recht gar nichts da oben erwartet, und ging mit einer sehr breiten
Resignation durch den Wald. Aber der Mensch ist so enge in sich selbst gefangen,
dass er sich meistens selbst verzehrt, wo er die Welt verzehren sollte. Ich
weinte, als sich die Aussicht mir erschloss, vor Scham, und fühlte, wie meine
Tränen gelinde auf der Wange trockneten, und sich meine Seele wie der Duft einer
Blume zum Himmel hob; mein Körper wuchs in den Stamm, der mich trug, und meine
Arme streckten sich wie Zweige in die Luft: da war mir wohl, und ich sah den
Zugvögeln nach, die neben mir vorüberreisten, wie Freunden, die noch nicht zur
Ruhe gekommen sind, und wünschte ihnen glückliche Reise.«
    »Es ist
