... O warum achten wir nicht alle ersten Regungen der menschlichen Natur
für heilig, als Erstlinge für den göttlichen Altar?
    Es gibt ja nichts Reineres und Wärmeres als unsere erste Freundschaft,
unsere erste Liebe, unser erstes Streben nach Wahrheiten, unser erstes Gefühl
für die Natur; wie Adam werden wir erst aus Unsterblichen Sterbliche; wie
Ägypter werden wir früher von Göttern als Menschen regiert; - und das Ideal
eilet der Wirklichkeit, wie bei einigen Bäumen die weichen Bluten den breiten
rohen Blättern, vor, damit nicht diese sich vor das Stäuben und Befruchten jener
stellen. -
    Wenn oft Albano von seinen innern und äußern Irrgängen nach Hause kam,
zugleich trunken und durstig - zugleich mit geschlossenen Sinnen und mit
geschärften, träumend, aber wie Schläfer, die das Auslöschen des Lichts herber
empfinden -: so braucht' es freilich wenige kalte Tropfen von kalten Worten,
damit die heiße, in Fluss gebrachte Seele von den fremden kalten Körpern in
Zickzack und Klumpen zerschoss, indes eine warme Form den Guss zur lieblichsten
Gestalt geründet hätte. -
    Bei so bewandten Umständen wird sich freilich keiner wundern über das, was
ich bald berichten werde. Der Tanz-, Musik- und Fecht-Meister, der wenig auf
seine Pas, Griffe und Stöße grosstat, aber desto mehr auf seine (Reichstags-)
Literatur - denn die neuen Monatsnamen, die Klopstocksche Rechtschreibung und
die lateinischen Lettern in deutschen Briefen hatt' er früher in seinen als
einer von uns -, wollte dem Wehrfritzischen Hause gern zeigen, dass er ein wenig
mehr von Literatur verstehe und da wisse, wo der Hase liegt, als andere Wiener
(um so mehr, da er gar nichts las, nicht einmal politische Zeitungen und Romane,
weil ihm lebendige wahre Menschen lieber waren); - er trat daher nie ins Haus,
ohne zwei Taschen voll Romane und Verse für Rabette und Albano. Dazu half seine
unendliche Dienstbeflissenheit - und sein kollegialisches Wettrennen mit
Wehmeier im Bilden und sein Anteilnehmen am verstummenden Jünglinge, dem er aus
den süßen Träumen, die der Rubin30 des glänzenden jugendlichen Lebens schenkt,
mit den exegetischen Traumbüchern, den Dichterwerken, helfen wollte. Die
Umwälzung des Jünglings, der nun ganze romantische Everdingens-Wiesen abmähete
und ganze poetische Huysums-Blumenrabatten abpflückte, auch nur leidlich zu
schildern, hab' ich jetzt wegen der oben versprochnen Wundersache weder Zeit
noch Lust; genug, dass Albano, so dasitzend - der Himmel der Dichtkunst vor ihm
aufgetan, das gelobte Land des Romans vor ihm ausgebreitet -, einem Erdballe
glich, an welchen mehrere Schwanzsterne sich brausend anwerfen und der mit ihnen
gemeinschaftlich aufbrennt.
    Allein wie weiter? Der Wiener, das muss ich noch vorher sagen, war ein eitler
Narr (wenigstens in Punkten
