
viel Unrecht des Urteils als solchen einfachen, kühlen, konsequenten wie der
seinigen.« Albano konnte nicht ganz Ja sagen; aber er erkannte in ihrer Achtung
für die fremdeste Eigentümlichkeit froh die Schülerin seines Vaters, der ein
Gewächs nicht nach der glatten oder rauen Rinde, sondern nach der Blüte
schätzte. Nie zeichnet der Mensch den eignen Charakter schärfer als in seiner
Manier, einen fremden zu zeichnen. Aber Lindas hohe Offenherzigkeit dabei, die
feingebildeten Weibern so oft abgeht als kräftigen Männern Feinheit und Hülle,
ergriff den Jüngling am stärkesten, und er glaubte zu sündigen, wenn er nicht
seine große natürliche gegen sie verdoppelte.
    Sie rief ihre Jungfrauen zum Fortgehen. Dian ging fort. »Diese sind mir
nötiger,« (sagte sie zu Albano) »als sie es scheinen.« Sie habe nämlich,
erzählte sie, etwas von der Augenkrankheit190 vieler Spanierinnen, nachts
unendlich kurzsichtig zu sein. Er bat, sie begleiten zu dürfen, und es geschah;
er wollte sie führen ihrer Anmerkung wegen, sie verbats.
    Unter dem Gehen stand sie oft still, um nach der schönen Flamme des Vesuvs
zu blicken. »Er steht« (sagte Albano) »in diesem Hirtengedicht der Natur als
eine tragische Muse da und hebt alles wie ein Krieg die Zeit.« - »Glauben Sie
das vom Krieg?« sagte sie. - »Entweder große Menschen« (versetzte er) »oder
große Zwecke muss ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Kräfte, wie dem
Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Welt-Ecken gekehrt
gelegen.« - »Wie wahr!« (sagte sie) - »Was sagen Sie zu einem gallischen Krieg?«
- Er bekannte seinen Wunsch für dessen Entstehung und die eigne Teilnahme daran.
Er konnte, sogar auf Kosten seiner Zukunft, gegen sie nichts sein als
offenherzig. »Selig seid ihr Männer,« (sagte sie) »ihr grabt euch durch den
Lebens-Schnee durch und trefft endlich die grüne Saat darunter an. Das kann
keine Frau. Ein Weib ist doch ein dummes Ding der Natur. Ich ehre ein paar
Häupter der Revolution, besonders das politische Kraft-Ungeheuer, den Mirabeau,
ob ich ihn gleich nicht liebhaben kann.«
    Unter diesen Reden stiegen sie am Epomeo auf. Agata begleitete die beiden
Gespielinnen ihrer frühern Zeit mit voller Zunge und hungrigem Ohre für so viele
gegenseitige Neuigkeiten. Da er jetzt neben der schönen Jungfrau ging und
zuweilen in das Angesicht blickte, das durch die geistige Kraft noch schöner
wurde, zugleich Blume, Blüte und Frucht, statt dass sonst umgekehrt der Kopf
durch das Gesicht gewinnt: so richtete er strenge über sein bisheriges Betragen
gegen dieses edle Wesen
