, und wo wohnt der Tod als im Leben? Lasse
verstieben und versiegen! es gibt doch drei Unsterblichkeiten - wiewohl du die
erste, die überirdische, nicht glaubst -: die unterirdische (denn das All kann
verstäuben, aber nicht sein Staub) und die ewigwirkende darin, die, dass jede Tat
viel gewisser eine ewige Mutter wird als eine ewige Tochter ist. Und dieser Bund
mit dem Universum und mit der Ewigkeit macht der Ephemere Mut, in ihrer
Flug-Minute das Blütenstäubchen weiterzutragen und auszusäen, das im nächsten
Jahrtausend vielleicht als Palmenwald dasteht.
    Ob ich mich meinem Vater entdecke, ist mir noch zweifelhaft, weil ich es
noch darüber bin, ob ich seine bisherigen Äußerungen gegen die Neufranken für
scharfen Ernst zu nehmen habe oder nur für die scherzhafte Kälte, womit er sonst
gerade seine Gotteiten - Homer, Raffael, Cäsar, Shakespeare - aus Ekel gegen
den nachsprecherischen Götzendienst, den der Pöbel der wahren Hoheit wie der
falschen erweiset, im Munde führt. - Grüße meinen braven mannhaften Wehrfritz
und erinner' ihn an unser Bundesfest am Zeitungstage der niedergerissenen
Bastille. Lebe wohl und bleibe bei mir!
                                                                        Albano.«
An dem Abende dieses Briefes ging er mit seinem Vater in eine Konversazione im
Palazzo Kolonna - hier fanden sie die schwarzmarmorne Galerie voll Antiken und
Gemälde aus einem Kunst- und Gesellschaftszimmer in einen Fechtboden verkehrt,
alle Arme und Zungen der Römer waren in Bewegung und Kampf über die neuesten
Entwicklungen der gallischen Revolution, und die meisten für sie. Es war damals,
wo fast ganz Europa einige Tage lang vergaß, was es aus der politischen und
poetischen Geschichte Frankreichs jahrhundertelang gelernt hatte, dass dasselbe
leichter eine vergrößerte als eine große Nation werden könnte. Der Ritter allein
gab sich lieber den Kunstwerken als dem leeren Gefechte seiner Nachbarschaft
hin; endlich aber hört' er von weitem, wie Albano, gleich allen damaligen
Jünglingen, der Himmels-Königin , der Freiheit, jauchzend nachzog, unter den
ewigen Freien und ewigen Sklaven mitgehend nach der damaligen Gleichheit; da
trat er näher und merkte nach seiner Weise an: »die Revolution sei etwas sehr
Großes; er finde indes an großen Werken, z.B. an einem Koliseo, Obeliskus, an
dem Flor einer Wissenschaft, an dem Kriege, an der Höhe der Astronomie, der
Physik weniger als andere zu bewundern, denn bloß die Menge in der Zeit oder im
Raume schaff' es, eine beträchtliche Vielheit kleiner Kräfte. Aber nur große
achte man178. In der Revolution seh' er mehr jene als diese - Freiheit werde an
einem Tage so wenig gewonnen als verloren; wie schwache Individuen im Rausche
gerade ihr Gegenteil wären, so geb' es auch wohl einen Rausch der Menge durch
die Menge.«
