 nicht dasselbe
Recht? Aber ihr habt eben keines zu verwerfen, ausgenommen in der minorennen
Zeit, wo das Kind noch keines hat, zu wählen. Oder fodert ihr für die Erziehung
zur Freiheit beim Abschiede als Ehrensold das Opfer der Freiheit? - Ihr tut, als
hättet ihr erzogen, ohne selber erzogen zu sein, indes ihr bloß eine schwere
geerbte Schuld, die ihr an eure Eltern nie bezahlen könnt, an eure Kinder
abtragt; und ich kenne hierin nur einen unbezahlten Gläubiger, den ersten
Menschen, und nur einen insolventen Schuldner, den letzten. Oder schützet ihr
euch noch mit dem barbarischen unmoralischen römischen Vorurteil, das Kinder als
weiße Neger der Eltern feilbietet, weil die frühere erlaubte Gewalt über das
nicht-moralische Wesen sich hinter der Allmählichkeit seiner Entwicklung
unbemerkt als eine über das moralische herüberschleicht?
    Dürft ihr aus Liebe Kinder zu ihrem Glück, so dürfen sie später ebensogut
aus Dankbarkeit euch zu eurem zwingen. Aber was ist denn das Glück, wofür sie
ihr ganzes Herz mit allen seinen Träumen wegwerfen sollen? - Meistens eures;
eure Beleuchtung und Bereicherung, eure Feind- und Freundschaften sollen sie mit
dem Opfer des Innersten büßen und kaufen. Dürft ihr eure stillen Voraussetzungen
zum Glück einer Zwangsehe laut bekennen, z.B. die Entbehrlichkeit der Liebe in
der Ehe, die Hoffnung eines Todesfalles, die vielleicht doppelte Untreue sowohl
gegen den ehelichen Käufer als gegen den außer-ehelichen Geliebten? Ihr müsst
Sünderinnen106 voraussetzen, um nicht Räuber zu sein.
    Tut mir nicht dar, dass Neigungsehen oft schlecht und Zwangsehen oft gut
genug ausgefallen, wie an Herrnhutern, Germanen und Orientalern zu ersehen.
Nennt mir sonst lieber alle barbarische Völker und Zeiten her, worin, weil beide
ja nur den Mann, nie die Frau berechnen, eine glückliche Ehe nichts bedeutet als
einen glücklichen Mann. Niemand steht nahe genug dabei, die weiblichen Seufzer
zu hören und zu zählen; der ungehörte Schmerz wird endlich sprachlos; neue
Wunden schwächen das Bluten der ältesten. Ferner: am Missgeschick der
Neigungs-Ehen ist eben ihr Verwehren und euer Krieg gegen die Verehlichten
schuld. - Ferner: jede Zwangs-Ehe ist ja meistens zur Hälfte eine Neigungs-Ehe.
Endlich: die besten Ehen sind im mittleren Stand, wo mehr die Liebe, und die
schlechtesten in den höheren, wo die Rücksicht bindet; und sooft in diesen ein
Fürst bloß mit seinem Herzen wählte, so erhielt er eines, und er verlor und
betrog es nie. - -
    Welches ist denn nun die Hand, in welche ihr so oft die schönste, feinste,
reichste, aber widersträubende presset? Gewöhnlich eine schwarze, alte, welke,
gierige. Denn veraltete, reiche oder steigende Libertins haben zu viel Kenntnis,
Sättigung
