 Titel gedruckter Sachen zufertigen) selber unter die Gelehrten
laufen.
    Aber warum tu' ichs nicht und lasse wenigstens eine oder ein paar
Wasseradern meines Wasserschatzes springen und auslaufen? - Auf zehn
Verfolgungen des Lesers - bloß so nenn' ich meine zehn Aphorismen, weil ich mir
die Leser als Märtyrer ihrer Meinungen und mich als den Regenten denke, der sie
mit Gewalt bekehrt - schränk' ich mich ein. Der folgende Aphorismus ist wenn man
den vorhergehenden als die erste Verfolgung anschlägt -, hoff' ich,
                                  die zweite.
Nichts fegt und siebt unsere Vorzüge und Liebhabereien besser durch als eine
fremde Nachahmung derselben. Für ein Genie sind keine schärfere Poliermaschinen
und Schleifscheiben vorhanden als seine Affen. - Wenn ferner jeder von uns neben
sich noch ein Doppel-Ich, einen vollständigen Archimimus52 und Repetenten im
Komplimentieren, Hutabnehmen, Tanzen, Sprechen, Zanken, Prahlen etc. herlaufen
sähe: beim Himmel! ein solches genaues Repetierwerk; unsrer Misstöne würde ganz
andre Leute aus mir und andern Leuten machen, als wir gegenwärtig sind. Der
erste und kleinste Schritt, den wir zur Besonnenheit und Tugend täten, wäre
schon der, dass wir unsre körperliche Metodologie, z.B. unsern Gang, Anzug,
Dialekt, unsre Schwüre, Mienen, Leibgerichte etc., nicht besser, sondern gerade
so befänden als alle fremde. Fürsten haben das Glück, dass sich alle Hofleute um
sie zu treuen Supranumerarkopisten und Pfeilerspiegeln ihres Ichs
zusammenstellen und sie durch diese Heloten-Mimik bessern wollen. Aber sie
erreichen selten die gute Absicht, weil der Fürst - und das wäre von mir und dem
Leser auch zu befürchten - wie der Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden an
keine wahre Menächmen glaubt, sondern sich einbildet, in der Moral wie in der
Katoptrik zeige jeder Spiegel und Nebenregenbogen alles verkehrt.
                                     Dritte
Es ist dem Menschen leichter und geläufiger, zu schmeicheln als zu loben.
                                     Vierte
In den Jahrhunderten vor uns scheint uns die Menschheit heran zuwachsen, in
denen nach uns abzuwelken, in unserm herrlich blühend aufzuplatzen: so scheinen
uns nur die Wolken unsers Scheitelpunktes gerade zu gehen, die einen vor uns
steigen vom Horizonte herauf, die andern hinter uns ziehen gekrümmt hinab.
                                     Fünfte
Das Alter ist nicht trübe, weil darin unsre Freuden, sondern weil unsre
Hoffnungen aufhören.
                                    Sechste
Das Alter der Weiber ist trüber und einsamer als das der Männer: darum schont in
jenen die Jahre, die Schmerzen und das Geschlecht! - Überhaupt gleicht das Leben
oft dem Fang-Baume mit aufwärtsgerichteten Stacheln, an welchem der Bär leicht
hinauf zum Honig-Köder klettert, wovon er aber unter lauter Stichen wieder
zurückrutschet.
                                    Siebente
Habt Mitleiden mit der Armut, aber noch hundertmal mehr mit der Verarmung! Nur
jene, nicht diese macht Völker und Individuen
