 alles durcheinander in
romantischer Verwirrung, so viel Worte so viel Bilder; und das ohne alle
Nebenbestimmungen und künstlichen Übergänge, die am Ende doch nur dem Verstande
frommen und jeden kühneren Schwung der Fantasie hemmen. Für die ihrige ist alles
in der Natur belebt und beseelt; und ich erinnere mich noch oft mit Vergnügen
daran, wie sie in einem Alter von nicht viel mehr als einem Jahre zum erstenmal
eine Puppe sah und fühlte. Ein himmlisches Lächeln blühte auf ihrem kleinen
Gesichte und sie drückte gleich einen herzlichen Kuss auf die gefärbten Lippen
von Holz. Gewiss! es liegt tief in der Natur des Menschen, dass er alles essen
will, was er liebt, und jede neue Erscheinung unmittelbar zum Munde führt, um
sie da wo möglich in ihre ersten Bestandteile zu zergliedern. Die gesunde
Wissbegierde wünscht ihren Gegenstand ganz zu fassen, bis in sein Innerstes zu
durchdringen und zu zerbeissen. Das Betasten dagegen bleibt bei der äußerlichen
Oberfläche allein stehen, und alles Begreifen gewährt eine unvollkommene nur
mittelbare Erkenntnis. Indessen ist es doch schon ein interessantes Schauspiel,
wenn ein geistreiches Kind ein Ebenbild von sich erblickt, es mit den Händen zu
begreifen und sich durch diese ersten und letzten Fühlhörner der Vernunft zu
orientieren strebt; schüchtern verkriecht und versteckt sich der Fremdling und
emsig ist die kleine Philosophin hinterdrein, den Gegenstand ihrer angefangenen
Untersuchung zu verfolgen. -
    Aber freilich ist Geist, Witz und Originalität bei Kindern gerade so selten
wie bei Erwachsenen. Doch alles dies und so vieles andre gehört nicht hieher und
würde mich über die Grenzen meines Zweckes führen! Denn diese Charakteristik
soll ja nichts darstellen als ein Ideal, welches ich mir stets vor Augen halten
will, um in diesem kleinen Kunstwerke schöner und zierlicher Lebensweisheit nie
von der zarten Linie des Schicklichen zu verirren, und dir, damit du alle die
Freiheiten und Frechheiten, die ich mir noch zu nehmen denke, im voraus
verzeihst, oder doch von einem höheren Standpunkte beurteilen und würdigen
kannst.
    Habe ich etwa unrecht, wenn ich die Sittlichkeit bei Kindern, Zartheit und
Zierlichkeit in Gedanken und Worten vornehmlich beim weiblichen Geschlecht
suche? -
    Und nun sieh! diese liebenswürdige Wilhelmine findet nicht selten ein
unaussprechliches Vergnügen darin, auf dem Rücken liegend mit den Beinchen in
die Höhe zu gestikulieren, unbekümmert um ihren Rock und um das Urteil der Welt.
Wenn das Wilhelmine tut, was darf ich nicht tun, da ich doch bei Gott! ein Mann
bin, und nicht zarter zu sein brauche wie das zarteste weibliche Wesen?
    O beneidenswürdige Freiheit von Vorurteilen! Wirf auch du sie von dir, liebe
Freundin, alle die Reste von falscher Scham, wie ich oft die fatalen Kleider von
dir riss und in schöner Anarchie umherstreute. Und sollte dir ja dieser kleine
