 bescheidne Veilchen zeigen, und was sonst mädchenhaft und
kindlich blüht, oder auch alles andre was in bunter Glorie sonderbar strahlt?
    Die männliche Ungeschicklichkeit ist ein mannigfaltiges Wesen und reich an
Blüten und Früchten jeder Art. Gönne selbst der wunderlichen Pflanze, die ich
nicht nennen will, ihre Stelle. Sie dient wenigstens zur Folie für die
hellbrennende Granate und die lichten Orangen. Oder soll es etwa statt dieser
bunten Fülle nur eine vollkommne Blume geben, welche alle Schönheiten der
übrigen vereint und ihr Dasein überflüssig macht?
    Ich entschuldige nicht, was ich lieber sogleich noch einmal tun will, mit
vollem Zutrauen auf Deinen objektiven Sinn für die Kunstwerke der
Ungeschicklichkeit, welche den Stoff zu dem was sie bilden will, oft nicht
ungern von der männlichen Begeisterung entlehnt.
    Es ist ein zärtliches Furioso und ein kluges Adagio der Freundschaft: Du
wirst Verschiednes daraus lernen können: dass Männer mit ungemeiner Delikatesse
zu hassen verstehen, wie ihr zu lieben; dass sie dann einen Zank, wenn er
vollendet ist, in eine Distinktion umbilden, und dass Du so viele Anmerkungen
darüber machen darfst als Dir gefällig ist.
 
                               Julius an Antonio
                                       I.
Du hast Dich sehr verändert seit einiger Zeit! Sieh Dich vor Freund, dass der
Sinn für das Große Dir nicht abhanden kommt, ehe Du es gewahr wirst. Was soll
das geben? Du wirst endlich so viel Zartheit und Feinheit ansetzen, dass Herz und
Gefühl drauf geht. Wo bleibt da die Männlichkeit und handelnde Kraft? - Ich
werde noch dahin kommen, Dir zu tun wie Du mir tust, seit wir nicht mehr mit
einander sondern neben einander leben. Ich werde Dir Grenzen setzen müssen und
sagen, wenn er auch Sinn für alles hat, was sonst schön ist, so fehlt ihm doch
der eine für die Freundschaft. Doch werde ich den Freund und sein Tun und Lassen
nie moralisch kritisieren; wer das kann, der verdient nicht das hohe seltene
Glück einen zu haben.
    Dass Du Dich zuerst an Dir selbst vergreifst, macht die Sache nur schlimmer.
Sage mir im Ernst, suchst Du die Tugend in diesen kühlen Spitzfindigkeiten des
Gefühls, in diesen Kunstübungen des Gemüts, die den Menschen aushöhlen und am
vollen Mark seines Lebens zehren?
    Schon lange war ich ergeben und still. Ich zweifelte gar nicht, dass Du, da
Du so vieles weißt, auch wohl die Ursachen wissen würdest durch die unsre
Freundschaft untergegangen ist. Fast scheint es ich habe mich geirrt, da Du so
erstaunen konntest, dass ich mich ganz an Eduard anschließen will, da Du
gleichsam nicht begreifend zu fragen schienst, wodurch Du mich denn beleidigt
hättest. Wenn es nur das wäre, nur etwas einzelnes, dann wär er es den Misslaut
einer solchen Frage nicht wert
