 Gipfel des Daseins das Gefühl seiner Nichtigkeit
überfällt, so schaute ich mit geheimer Lust auf meinen Schmerz. Er ward mir zum
Sinnbilde des allgemeinen Lebens, ich glaubte die ewige Zwietracht zu fühlen und
zu sehen, durch die alles wird und existiert, und die schönen Gestalten der
ruhigen Bildung schienen mit tot und klein gegen diese ungeheure Welt von
unendlicher Kraft, und von unendlichem Kampf und Krieg bis in die verborgensten
Tiefen des Daseins.
    Durch dieses sonderbare Gefühl ward die Krankheit zu einer eignen Welt in
sich vollendet und gebildet. Ich fühlte, ihr geheimnisreiches Leben sei voller
und tiefer als die gemeine Gesundheit der eigentlich träumenden Nachtwandler um
mich her. Und mit der Kränklichkeit, die mir gar nicht unangenehm war, blieb mir
auch dieses Gefühl und sonderte mich völlig ab von den Menschen, wie mich von
der Erde der Gedanke trennte, dein Wesen und meine Liebe sei zu heilig gewesen,
um nicht ihr und ihren groben Banden flüchtig zu enteilen. Es sei alles gut so
und dein notwendiger Tod nichts als ein sanftes Erwachen nach leisem Schlummer.
    Auch ich glaubte zu wachen, wenn ich dein Bild anschaute, das sich immer
mehr zu einer heitern Reinheit und Allgemeinheit verklärte. Ernst und doch
liebreizend, ganz Du und doch nicht mehr Du, die göttliche Gestalt umschienen
von wunderbarem Glanz. Bald war es wie der furchtbare Lichtstrahl der sichtbaren
Allmacht und bald ein freundlicher Schimmer goldener Kindheit. Mit langen
stillen Zügen sog mein Geist aus der Quelle der kühlen reinen Glut, sich
heimlich berauschend, und in dieser seligen Trunkenheit fühlte ich eine
geistliche Würde eigener Art, weil mir in der Tat jede weltliche Gesinnung ganz
fremde war und mich niemals das Gefühl verließ, dass ich dem Tode geweiht sei.
    Langsam flossen die Jahre und mühevoll trat eine Tat nach der andern, ein
Werk und dann wieder eines an sein Ziel, das so wenig das meinige war als ich
jene Taten und Werke für das was sie heißen nahm. Es waren mir nur heilige
Sinnbilder, alles Beziehungen auf die eine Geliebte, die die Mittlerin war
zwischen meinem zerstückten Ich und der unteilbaren ewigen Menschheit; das ganze
Dasein ein steter Gottesdienst einsamer Liebe.
    Endlich nahm ich wahr, das sei nun das letzte. Die Stirn war nicht mehr
glatt und die Locken wurden bleich. Meine Laufbahn war geendigt aber nicht
vollendet. Die beste Kraft des Lebens war dahin und noch stand die Kunst und die
Tugend ewig unerreichbar vor mir. Ich wäre verzweifelt, hätte ich nicht beide in
Dir gesehen und vergöttert, holdselige Madonna! und Dich und Deine milde
Göttlichkeit in mir.
    Da erschienst Du mir bedeutend und winktest tödlich. Schon ergriff mich ein
herzliches Verlangen nach Dir und nach der Freiheit; ich sehnte mich nach dem
geliebten alten Vaterlande und
