 und
trennen. Wir beide werden noch einst in Einem Geiste anschauen, dass wir Blüten
Einer Pflanze oder Blätter Einer Blume sind, und mit Lächeln werden wir dann
wissen, dass was wir jetzt nur Hoffnung nennen, eigentlich Erinnerung war.
    Weißt du noch, wie der erste Keim dieses Gedankens vor dir in meiner Seele
aufsprosste und auch gleich in der deinigen Wurzel fasste? - So schlingt die
Religion der Liebe unsre Liebe immer inniger und stärker zusammen, wie das Kind
die Lust der zärtlichen Eltern dem Echo gleich verdoppelt.
    Nichts kann uns trennen und gewiss würde jede Entfernung mich nur gewaltsamer
an dich reißen. Ich denke mir, wie ich bei der letzten Umarmung im Gedränge der
heftigen Widersprüche zugleich in Tränen und in Lachen ausbreche. Dann würde ich
still werden und in einer Art von Betäubung durchaus nicht glauben, dass ich von
dir entfernt sei, bis die neuen Gegenstände um mich her mich wider Willen
überzeugten. Aber dann würde auch meine Sehnsucht unaufhaltsam wachsen, bis ich
auf ihren Flügeln in deine Arme sänke. Lass auch die Worte oder die Menschen ein
Missverständnis zwischen uns erregen! Der tiefe Schmerz würde flüchtig sein und
sich bald in vollkommenere Harmonie auflösen. Ich würde ihn so wenig achten, wie
die liebende Geliebte im Enthusiasmus der Wollust die kleine Verletzung achtet.
    Wie könnte uns die Entfernung entfernen, da uns die Gegenwart selbst
gleichsam zu gegenwärtig ist. Wir müssen ihre verzehrende Glut in Scherzen
lindern und kühlen und so ist uns die witzigste unter den Gestalten und
Situationen der Freude auch die schönste. Eine unter allen ist die witzigste und
die schönste: wenn wir die Rollen vertauschen und mit kindischer Lust
wetteifern, wer den andern täuschender nachäffen kann, ob dir die schonende
Heftigkeit des Mannes besser gelingt, oder mir die anziehende Hingebung des
Weibes. Aber weißt du wohl, dass dieses süße Spiel für mich noch ganz andre Reize
hat als seine eignen? Es ist auch nicht bloß die Wollust der Ermattung oder das
Vorgefühl der Rache. Ich sehe hier eine wunderbare sinnreich bedeutende
Allegorie auf die Vollendung des Männlichen und Weiblichen zur vollen ganzen
Menschheit. Es liegt viel darin, und was darin liegt, steht gewiss nicht so
schnell auf wie ich, wenn ich dir unterliege.
Das war die dityrambische Fantasie über die schönste Situation in der schönsten
Welt! Ich weiß noch recht gut, wie du sie damals gefunden und genommen hast.
Aber ich glaube auch eben so gut zu wissen, wie du sie hier finden und nehmen
wirst; hier in diesem Büchelchen, von dem du mehr treue Geschichte, schlichte
Wahrheit und ruhigen Verstand, ja sogar Moral, die liebenswürdige Moral der
Liebe erwartest. »Wie kann man schreiben wollen, was kaum zu sagen erlaubt ist,
was man nur fühlen
