 du mich auch ganz und überlässt keinen Teil
von mir etwa dem Staate, der Nachwelt oder den männlichen Freunden. Es gehört
dir alles und wir sind uns überall die nächsten und verstehen uns am besten.
Durch alle Stufen der Menschheit gehst du mit mir von der ausgelassensten
Sinnlichkeit bis zur geistigsten Geistigkeit und nur in dir sah ich wahren Stolz
und wahre weibliche Demut.
    Das äußerste Leiden, wenn es uns nur umgäbe, ohne uns zu trennen, würde mir
nichts scheinen als ein reizender Gegensatz für den hohen Leichtsinn unsrer Ehe.
Warum sollten wir nicht die herbeste Laune des Zufalls für schönen Witz und
ausgelassene Willkür nehmen, da wir unsterblich sind wie die Liebe? Ich kann
nicht mehr sagen, meine Liebe oder deine Liebe; beide sind sich gleich und
vollkommen Eins, so viel Liebe als Gegenliebe. Es ist Ehe, ewige Einheit und
Verbindung unsrer Geister, nicht bloß für das was wir diese oder jene Welt
nennen, sondern für die eine wahre, unteilbare, namenlose, unendliche Welt, für
unser ganzes ewiges Sein und Leben. Darum würde ich auch, wenn es mir Zeit
schiene, eben so froh und eben so leicht eine Tasse Kirschlorbeerwasser mit dir
ausleeren, wie das letzte Glas Champagner, was wir zusammen tranken, mit den
Worten von mir: »So lass uns den Rest unsers Lebens austrinken.« - So sprach und
trank ich eilig, ehe der edelste Geist des Weins verschäumte; und so, das sage
ich noch einmal, so lass uns leben und lieben. Ich weiß, auch du würdest mich
nicht überleben wollen, du würdest dem voreiligen Gemahle auch im Sarge folgen,
und aus Lust und Liebe in den flammenden Abgrund steigen, in den ein rasendes
Gesetz die indischen Frauen zwingt und die zartesten Heiligtümer der Willkür
durch grobe Absicht und Befehl entweiht und zerstört.
    Dort wird dann vielleicht die Sehnsucht voller befriedigt. Ich bin oft
darüber erstaunt: jeder Gedanke und was sonst gebildet in uns ist, scheint in
sich selbst vollendet, einzeln und unteilbar wie eine Person; eines verdrängt
das andre, und was eben ganz nah und gegenwärtig war, sinkt bald in Dunkel
zurück. Und dann gibt es doch wieder Augenblicke plötzlicher, allgemeiner
Klarheit, wo mehrere solche Geister der innern Welt durch wunderbare Vermählung
völlig in Eins verschmelzen, und manches schon vergessene Stück unsers Ich in
neuem Lichte strahlt und auch die Nacht der Zukunft mit seinem hellen Scheine
öffnet. Wie im Kleinen so, glaube ich, ist es auch im Großen. Was wir ein Leben
nennen, ist für den ganzen ewigen innern Menschen nur ein einziger Gedanke, ein
unteilbares Gefühl. Auch für ihn gibts solche Augenblicke des tiefsten und
vollsten Bewusstseins, wo ihm alle die Leben einfallen, sich anders mischen
