
sich aus jugendlichem Unverstand ganz ungeschickt geglaubt hatte.
    Leicht und melodisch flossen ihnen die Jahre vorüber, wie ein schöner
Gesang, sie lebten ein gebildetes Leben, auch ihre Umgebung ward harmonisch und
ihr einfaches Glück schien mehr ein seltnes Talent als eine sonderbare Gabe des
Zufalls. Julius hatte auch sein äußeres Betragen verändert; er war geselliger,
und obgleich er viele ganz verwarf, um sich mit wenigen desto inniger zu
verbinden, so unterschied er doch nicht mehr so hart, wurde vielseitiger und
lernte das Gewöhnliche veredeln. Er zog allmählich manche vorzügliche Menschen
an sich, Lucinde verband und erhielt das Ganze und so entstand eine freie
Gesellschaft, oder vielmehr eine große Familie, die sich durch ihre Bildung
immer neu blieb. Auch vorzügliche Ausländer erhielten den Zutritt. Julius sprach
seltener mit ihnen, aber Lucinde wusste sie gut zu unterhalten; und zwar so, dass
ihre groteske Allgemeinheit und ausgebildete Gemeinheit zugleich die andern
ergötzte, und weder ein Stillstand noch ein Misslaut in der geistigen Musik
erregt ward, deren Schönheit eben in der harmonischen Mannichfaltigkeit und
Abwechselung bestand. Neben dem großen, ernsten Styl in der Kunst der
Geselligkeit sollte auch jede nur reizende Manier und flüchtige Laune ihre
Stelle darin finden.
    Eine allgemeine Zärtlichkeit schien Julius zu beseelen, nicht ein nützendes
oder mitleidendes Wohlwollen an der Menge, sondern eine anschauende Freude über
die Schönheit des Menschen, der ewig bleibt, während die einzelnen schwinden;
und ein reger und offener Sinn für das Innerste in sich und in andern. Er war
fast immer gleich gestimmt zum kindlichsten Scherz und zum heiligsten Ernst. Er
liebte nicht mehr nur die Freundschaft in seinen Freunden, sondern sie selbst.
Jede schöne Ahndung und Andeutung die in der Seele liegt, strebte er im Gespräch
mit ähnlich Gesinnten ans Licht zu bringen und zu entwickeln. Da ward sein Geist
in vielfachen Richtungen und Verhältnissen ergänzt und bereichert. Aber die
volle Harmonie fand er auch von dieser Seite allein in Lucindens Seele, wo die
Keime alles Herrlichen und alles Heiligen nur auf den Strahl seines Geistes
warteten, um sich zur schönsten Religion zu entfalten.
Ich versetze mich gern in den Frühling unsrer Liebe; ich sehe alle die
Veränderungen und Verwandlungen, ich lebe sie noch einmal, und ich möchte
wenigstens einige von den leisen Umrissen des entfliehenden Lebens ergreifen und
zu einem bleibenden Bilde gestalten, jetzt da es noch voller warmer Sommer in
mir ist, ehe auch das vorüber und es auch dazu zu spät wird. Wir Sterblichen
sind, so wie wir hier sind, nur die edelsten Gewächse dieser schönen Erde. Die
Menschen vergessen das so leicht, höchlich missbilligen sie die ewigen Gesetze
der Welt und wollen die geliebte Oberfläche durchaus im Mittelpunkte wieder
finden. Nicht also du und ich. Wir sind dankbar und zufrieden
