 selbst war, und nun musste er von
Tage zu Tage neue Verschiedenheiten entdecken. Zwar gründeten sich selbst diese
nur auf eine tiefere Gleichheit, und je reicher ihr Wesen sich entwickelte, je
vielseitiger und inniger ward ihre Verbindung. Er hatte es nicht geahndet, dass
ihre Originalität so unerschöpflich war wie ihre Liebe. Ihr Aussehn sogar schien
jugendlicher und blühender in seiner Gegenwart; und so blühte auch ihr Geist
durch die Berührung des seinigen auf und bildete sich in neue Gestalten und in
neue Welten. Er glaubte alles in ihr vereinigt zu besitzen, was er sonst einzeln
geliebt hatte: die schöne Neuheit des Sinnes, die hinreissende
Leidenschaftlichkeit, die bescheidne Tätigkeit und Bildsamkeit und den großen
Charakter. Jedes neue Verhältnis, jede neue Ansicht war für sie ein neues Organ
der Mitteilung und Harmonie. Wie der Sinn für einander, wuchs auch der Glauben
an einander, und mit dem Glauben stieg der Mut und die Kraft.
    Sie teilten ihre Neigung zur Kunst und Julius vollendete einiges. Seine
Gemälde belebten sich, ein Strom von beseelendem Licht schien sich darüber zu
ergießen und in frischer Farbe blühte das wahre Fleisch. Badende Mädchen, ein
Jüngling der mit geheimer Lust sein Ebenbild im Wasser anschaut, oder eine
holdselig lächelnde Mutter mit dem geliebten Kinde im Arm waren beinah die
höchsten Gegenstände seines Pinsels. Die Formen selbst entsprachen vielleicht
nicht immer den angenommenen Gesetzen einer künstlichen Schönheit. Was sie dem
Auge empfahl, war eine gewisse stille Anmut, ein tiefer Ausdruck von ruhigem
heitern Dasein und von Genuss dieses Daseins. Es schienen beseelte Pflanzen in
der gottähnlichen Gestalt des Menschen. Eben diesen liebenswürdigen Charakter
hatten auch seine Umarmungen, in deren Verschiedenheit er unerschöpflich war.
Die malte er am liebsten, weil der Reiz seines Pinsels sich hier am schönsten
zeigen konnte. In ihnen schien wirklich der flüchtige und geheimnisvolle
Augenblick des höchsten Lebens durch einen stillen Zauber überrascht und für die
Ewigkeit angehalten. Je entfernter von bacchantischer Wut, je bescheidner und
lieblicher die Behandlung war, je verführerischer war der Anblick, bei dem
Jünglinge und Frauen ein süßes Feuer durchströmte.
    Wie seine Kunst sich vollendete und ihm von selbst in ihr gelang, was er
zuvor durch kein Streben und Arbeiten erringen konnte: so ward ihm auch sein
Leben zum Kunstwerk, ohne dass er eigentlich wahrnahm, wie es geschah. Es ward
Licht in seinem Innern, er sah und übersah alle Massen seines Lebens und den
Gliederbau des Ganzen klar und richtig, weil er in der Mitte stand. Er fühlte,
dass er diese Einheit nie verlieren könne, das Rätsel seines Daseins war gelöst,
er hatte das Wort gefunden, und alles schien ihm dazu vorherbestimmt und von den
frühsten Zeiten darauf angelegt, dass er es in der Liebe finden sollte, zu der er
