 dabei zu fühlen. Sie trieb die Malerei nicht wie ein
Gewerbe oder eine Kunst, sondern bloß aus Lust und Liebe, und warf jede Ansicht,
so wie auf ihren Wanderungen ihr eine gefiel oder merkwürdig schien, nach Zeit
und Laune mit der Feder oder in Wasserfarben aufs Papier. Zum Öl hatte es ihr an
Geduld und an Fleiß gefehlt, und selten malte sie ein Portrait, nur wann sie ein
Gesicht sehr ausgezeichnet und wert hielt. Dann arbeitete sie mit der
gewissenhaftesten Treue und Sorgfalt und wusste die Pastellfarben mit einer
bezaubernden Weichheit zu behandeln. So bedingt und gering der Wert dieser
Versuche für die Kunst sein mochte, so freute sich Julius doch nicht wenig über
die schöne Wildheit in ihren Landschaften und über den Geist, mit dem sie die
unergründliche Mannichfaltigkeit und wunderbare Übereinstimmung der menschlichen
Gesichtszüge auffasste. Und so einfach die der Künstlerin selbst waren, so waren
sie doch nicht unbedeutend, und Julius fand in ihnen einen großen Ausdruck, der
ihm immer neu blieb.
    Lucinde hatte einen entschiednen Hang zum Romantischen, er fühlte sich
betroffen über die neue Ähnlichkeit und er entdeckte immer mehrere. Auch sie war
von denen, die nicht in der gemeinen Welt leben, sondern in einer eignen
selbstgedachten und selbstgebildeten. Nur was sie von Herzen liebte und ehrte,
war in der Tat wirklich für sie, alles andre nichts; und sie wusste was Wert hat.
Auch sie hatte mit kühner Entschlossenheit alle Rücksichten und alle Bande
zerrissen und lebte völlig frei und unabhängig.
    Die wunderbare Gleichheit zog den Jüngling bald in ihre Nähe, er bemerkte,
dass auch sie diese Gleichheit fühle, und beide nahmen es gewahr, dass sie sich
nicht gleichgültig wären. Es war noch nicht lange dass sie sich sahen und Julius
wagte nur einzelne abgerissne Worte, die bedeutend aber nicht deutlich waren. Er
sehnte sich mehr von ihren Schicksalen und ihrem ehemaligen Leben zu wissen,
worüber sie gegen andre sehr geheimnisvoll war. Ihm gestand sie nicht ohne
gewaltsame Erschütterung, sie sei schon Mutter gewesen von einem schönen starken
Knaben, den ihr der Tod bald wieder entrissen. Auch er erinnerte sich an die
Vergangenheit und sein Leben ward ihm, indem er es ihr erzählte, zum erstenmal
zu einer gebildeten Geschichte. Wie freute sich Julius, da er mit ihr über Musik
sprach, und seine innersten und eigensten Gedanken über den heiligen Zauber
dieser romantischen Kunst aus ihrem Munde hörte! Da er ihren Gesang vernahm, der
sich rein und stark gebildet aus tiefer weicher Seele hob, da er ihn mit dem
seinigen begleitete, und ihre Stimmen bald in Eins flossen, bald Fragen und
Antworten der zartesten Empfindung wechselten, für die es keine Sprache gibt! Er
konnte nicht widerstehn, er drückte einen schüchternen Kuss auf die frischen
Lippen
