 »Lisette
soll zu Grunde gehen, zu Grunde jetzt gleich: so will es das Schicksal, das
eiserne.«
    Der Eindruck, den diese überraschende Tragödie auf den reizbaren Jüngling
machte, war unauslöschlich, und brannte durch seine eigne Kraft immer tiefer.
Die erste Folge von Lisettens Ruin war, dass er ihr Andenken mit schwärmerischer
Achtung vergötterte. Er verglich ihre hohe Energie mit den nichtswürdigen
Intrigen der Dame, die ihn verstrickt hatte, und sein Gefühl musste laut
entscheiden, dass jene sittlicher und weiblicher sei: denn diese Kokette gab nie
eine kleine oder große Gunst ohne Nebenabsicht; und doch ward sie von aller Welt
geachtet und bewundert, wie so viele andre, die ihr gleichen. Darüber
widersetzte sich sein Verstand mit Heftigkeit allen falschen und allen wahren
Meinungen, die man über die weibliche Tugend hat. Es war Grundsatz bei ihm, die
gesellschaftlichen Vorurteile, welche er bisher nur vernachlässigte, nun
ausdrücklich zu verachten. Er gedachte an die zarte Louis, die beinah ein Raub
seiner Verführung geworden wäre und er erschrak. Denn auch Lisette war von guter
Familie, früh gefallen, entführt und in der Fremde verlassen, zu stolz gewesen
umzukehren, und durch die erste Erfahrung so belehrt wie andre nicht durch die
letzte. Mit schmerzlichem Vergnügen sammelte er manchen interessanten Zug von
ihrer frühen Jugend. Sie war damals mehr schwermütig als leichtsinnig, aber in
der Tiefe ganz Flamme und schon als kleines Mädchen traf man sie bei Gemälden
von nackten Gestalten oder bei andern Gelegenheiten in sonderbaren Äußerungen
der heftigsten Sinnlichkeit.
    Diese Ausnahme von dem, was Julius für gewöhnlich hielt beim weiblichen
Geschlecht, war zu einzig und die Umgebung, in der er sie fand, zu unrein, als
dass er dadurch zu einer wahren Ansicht hätte gelangen können. Vielmehr trieb ihn
sein Gefühl, sich fast ganz von den Frauen und von den Gesellschaften, wo sie
den Ton angeben, zurück zu ziehen. Er fürchtete seine Leidenschaftlichkeit und
warf seinen ganzen Sinn auf die Freundschaft mit Jünglingen, die wie er der
Begeisterung fähig waren. Diesen ergab er sein Herz, nur sie waren für ihn
wahrhaft wirklich, die übrige Menge gemeiner Schattenwesen freute er sich zu
verachten. Mit Leidenschaft und mit Spitzfindigkeit stritt er innerlich und
grübelte über seine Freunde, über ihre verschiedenen Vorzüge und Verhältnisse zu
ihm. Er erhitzte sich in seinen eigenen Gedanken und Gesprächen und war
berauscht von Stolz und von Männlichkeit. Auch glühten sie alle von edler Liebe,
unentwickelt schlummerte hier manche große Kraft, und sie sagten nicht selten in
rohen aber treffenden Worten erhabene Dinge über die Wunder der Kunst, über den
Wert des Lebens und über das Wesen der Tugend und Selbstständigkeit. Vorzüglich
aber über die Göttlichkeit der männlichen Freundschaft, die Julius zum
eigentlichen Geschäft seines Lebens zu
