 des Herzens zu zehren. Sein Geist war in einer beständigen Gärung;
er erwartete in jedem Augenblick, es müsse ihm etwas Außerordentliches begegnen.
Nichts würde ihn befremdet haben, am wenigsten sein eigener Untergang. Ohne
Geschäft und ohne Zweck trieb er sich umher unter den Dingen und unter den
Menschen wie einer, der mit Angst etwas sucht, woran sein ganzes Glück hängt.
Alles konnte ihn reizen, nichts mochte ihm genügen. Daher kam es, dass ihm eine
Ausschweifung nur so lange interessant war, bis er sie versucht hatte und näher
kannte. Keine Art derselben konnte ihm ausschließend zur Gewohnheit werden: denn
er hatte eben so viel Verachtung als Leichtsinn. Er konnte mit Besonnenheit
schwelgen und sich in den Genuss gleichsam vertiefen. Aber weder hier noch in den
mancherlei Liebhabereien und Studien, auf die sich oft sein jugendlicher
Enthusiasmus mit einer gefrässigen Wissbegier warf, fand er das hohe Glück, das
sein Herz mit Ungestüm foderte. Spuren davon zeigten sich überall, täuschten und
erbitterten seine Heftigkeit. Am meisten Reiz hatte der Umgang aller Art für ihn
und so oft er auch sogar sie überdrüssig ward, waren es doch die
gesellschaftlichen Zerstreuungen, zu denen er endlich immer wieder zurückkehrte.
Die Frauen kannte er eigentlich gar nicht, ungeachtet er schon früh gewohnt war,
mit ihnen zu sein. Sie erschienen ihm wunderbar fremd, oft ganz unbegreiflich
und kaum wie Wesen seiner Gattung. Junge Männer aber, die ihm einigermaßen
glichen, umfasste er mit heißer Liebe und mit einer wahren Wut von Freundschaft.
Doch war das allein für ihn noch nicht das rechte. Es war ihm, als wolle er eine
Welt umarmen und könne nichts greifen. Und so verwilderte er denn immer mehr und
mehr aus unbefriedigter Sehnsucht, ward sinnlich aus Verzweiflung am Geistigen,
beging unkluge Handlungen aus Trotz gegen das Schicksal und war wirklich mit
einer Art von Treuherzigkeit unsittlich. Er sah wohl den Abgrund vor sich, aber
er hielt es nicht der Mühe wert, seinen Lauf zu mäßigen. Er wollte lieber gleich
einem wilden Jäger den jähen Abhang rasch und mutig durchs Leben
hinunterstürmen, als sich mit Vorsicht langsam quälen.
    Bei diesem Charakter musste er oft in der geselligsten und fröhlichsten
Gesellschaft einsam sein, und er fand sich eigentlich am wenigsten allein, wenn
niemand bei ihm war. Dann berauschte er sich in Bildern der Hoffnung und
Erinnerung und ließ sich absichtlich von seiner eignen Fantasie verführen. Jeder
seiner Wünsche stieg mit unermesslicher Schnelligkeit und fast ohne Zwischenraum
von der ersten leisen Regung zur grenzenlosen Leidenschaft. Alle seine Gedanken
nahmen sichtbare Gestalt und Bewegung an und wirkten in ihm und wider einander
mit der sinnlichsten Klarheit und Gewalt. Sein Geist strebte nicht die Zügel der
Selbsterrschaft fest zu halten, sondern warf sie freiwillig weg, um sich
