 an sein ganzes Ich erinnern, und die
Welt und das Leben anschauen. Wie geschieht alles Denken und Dichten, als dass
man sich der Einwirkung irgend eines Genius ganz überlässt und hingibt? Und doch
ist das Sprechen und Bilden nur Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften,
das Wesentliche ist das Denken und Dichten, und das ist nur durch Passivität
möglich. Freilich ist es eine absichtliche, willkürliche, einseitige, aber doch
Passivität. Je schöner das Klima ist, je passiver ist man. Nur Italiener wissen
zu gehen, und nur die im Orient verstehen zu liegen; wo hat sich aber der Geist
zarter und süßer gebildet als in Indien? Und unter allen Himmelsstrichen ist es
das Recht des Müssiggangs was Vornehme und Gemeine unterscheidet, und das
eigentliche Prinzip des Adels.
    Endlich wo ist mehr Genuss, und mehr Dauer, Kraft und Geist des Genusses; bei
den Frauen, deren Verhältnis wir Passivität nennen, oder etwa bei den Männern,
bei denen der Übergang von übereilender Wut zur Langeweile schneller ist, als
der Übergang vom Guten zum Bösen?
    In der Tat man sollte das Studium des Müssiggangs nicht so sträflich
vernachlässigen, sondern es zur Kunst und Wissenschaft, ja zur Religion bilden!
Um alles in Eins zu fassen: je göttlicher ein Mensch oder ein Werk des Menschen
ist, je ähnlicher werden sie der Pflanze; diese ist unter allen Formen der Natur
die sittlichste, und die schönste. Und also wäre ja das höchste vollendetste
Leben nichts als ein reines Vegetieren.
    Ich nahm mir vor, mich zufrieden im Genuss meines Daseins über alle doch
endliche, und also verächtliche Zwecke und Vorsätze zu erheben. Die Natur selbst
schien mich in diesem Unternehmen zu bestärken, und mich gleichsam in
vielstimmigen Chorälen zum ferneren Müßiggang zu ermahnen, als sich plötzlich
eine neue Erscheinung offenbarte. Ich glaubte unsichtbarerweise in einem Theater
zu sein: auf der einen Seite zeigten sich die bekannten Bretter, Lampen und
bemalten Pappen; auf der andern ein unermessliches Gedränge von Zuschauern, ein
wahres Meer von wissbegierigen Köpfen und teilnehmenden Augen. An der rechten
Seite des Vorgrundes war statt der Dekoration ein Prometeus abgebildet, der
Menschen verfertigte. Er war an einer langen Kette gefesselt, und arbeitete mit
der größten Hast und Anstrengung; auch standen einige ungeheure Gesellen
daneben, die ihn unaufhörlich antrieben und geisselten. Leim und andre
Materialien waren im Überfluss da; das Feuer nahm er aus einer großen
Kohlenpfanne. Gegenüber zeigte sich auch als stumme Figur der vergötterte
Herkules, wie er abgebildet wird mit der Hebe auf dem Schoss. Vorn auf der Bühne
liefen und sprachen eine Menge jugendlicher Gestalten, die sehr fröhlich waren,
und nicht bloß zum Schein lebten. Die jüngsten glichen Amorinen, die mehr
erwachsenen den Bildern von Faunen; aber
