
eigne Erfindsamkeit für uns beide zu wiederholen, und dir dieses Gedicht der
Wahrheit zu beginnen. So erzeugte sich der erste Keim zu dem wundersamen Gewächs
von Willkür und Liebe. Und frei wie es entsprossen ist, dacht' ich, soll es auch
üppig wachsen und verwildern, und nie will ich aus niedriger Ordnungsliebe und
Sparsamkeit die lebendige Fülle von überflüssigen Blättern und Ranken
beschneiden.
    Gleich einem Weisen des Orients war ich ganz versunken in ein heiliges
Hinbrüten und ruhiges Anschauen der ewigen Substanzen, vorzüglich der deinigen
und der meinigen. Größe in Ruhe, sagen die Meister, sei der höchste Gegenstand
der bildenden Kunst; und ohne es deutlich zu wollen, oder mich unwürdig zu
bemühen, bildete und dichtete ich auch unsre ewigen Substanzen in diesem
würdigen Styl. Ich erinnerte mich, und ich sah uns, wie gelinder Schlaf die
Umarmten mitten in der Umarmung umfing. Dann und wann öffnete einer die Augen,
lächelte über den süßen Schlaf des andern und wurde wach genug um ein
scherzendes Wort, eine Liebkosung zu beginnen: aber noch ehe der angefangene
Mutwille geendigt war, sanken wir beide fest verschlungen in den seligen Schoss
einer halbbesonnenen Selbstvergessenheit zurück.
    Mit dem äußersten Unwillen dachte ich nun an die schlechten Menschen, welche
den Schlaf vom Leben subtrahieren wollen. Sie haben wahrscheinlich nie
geschlafen, und auch nie gelebt. Warum sind denn die Götter Götter, als weil sie
mit Bewusstsein und Absicht nichts tun, weil sie das verstehen und Meister darin
sind? Und wie streben die Dichter, die Weisen und die Heiligen auch darin den
Göttern ähnlich zu werden! Wie wetteifern sie im Lobe der Einsamkeit, der Musse,
und einer liberalen Sorglosigkeit und Untätigkeit! Und mit großem Recht: denn
alles Gute und Schöne ist schon da und erhält sich durch seine eigne Kraft. Was
soll also das unbedingte Streben und Fortschreiten ohne Stillstand und
Mittelpunkt? Kann dieser Sturm und Drang der unendlichen Pflanze der Menschheit,
die im Stillen von selbst wächst und sich bildet, nährenden Saft oder schöne
Gestaltung geben? Nichts ist es, dieses leere unruhige Treiben, als eine
nordische Unart und wirkt auch nichts als Langeweile, fremde und eigne. Und
womit beginnt und endigt es als mit der Antipathie gegen die Welt, die jetzt so
gemein ist? Der unerfahrne Eigendünkel ahndet gar nicht, dass dies nur Mangel an
Sinn und Verstand sei und hält es für hohen Unmut über die allgemeine
Hässlichkeit der Welt und des Lebens, von denen er doch noch nicht einmal das
leiseste Vorgefühl hat. Er kann es nicht haben, denn der Fleiß und der Nutzen
sind die Todesengel mit dem feurigen Schwert, welche dem Menschen die Rückkehr
ins Paradies verwehren. Nur mit Gelassenheit und Sanftmut, in der heiligen
Stille der echten Passivität kann man sich
