 Welt sein, an die ich denken soll: so sei es am
liebsten die Vorwelt. Die Liebe selbst sei ewig neu und ewig jung, aber ihre
Sprache sei frei und kühn, nach alter klassischer Sitte, nicht züchtiger wie die
römische Elegie und die Edelsten der größten Nation, und nicht vernünftiger wie
der große Plato und die heilige Sappho.
 
                           Idylle über den Müßiggang
»Sieh ich lernte von selbst, und ein Gott hat mancherlei Weisen mir in die Seele
gepflanzt.« So darf ich kühnlich sagen, wenn nicht von der fröhlichen
Wissenschaft der Poesie die Rede ist, sondern von der gottähnlichen Kunst der
Faulheit. Mit wem sollte ich also lieber über den Müßiggang denken und reden als
mit mir selbst? Und so sprach ich denn auch in jener unsterblichen Stunde, da
mir der Genius eingab, das hohe Evangelium der echten Lust und Liebe zu
verkündigen, zu mir selbst: »O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der
Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich
hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das
uns noch aus dem Paradiese blieb.« Ich saß, da ich so in mir sprach, wie ein
nachdenkliches Mädchen in einer gedankenlosen Romanze am Bach, sah den
fliehenden Wellen nach. Aber die Wellen flohen und flossen so gelassen, ruhig
und sentimental, als sollte sich ein Narcissus in der klaren Fläche bespiegeln
und sich in schönen Egoismus berauschen. Auch mich hätte sie locken können, mich
immer tiefer in die innere Perspektive meines Geistes zu verlieren, wenn nicht
meine Natur so uneigennützig und so praktisch wäre, dass sogar meine Spekulation
unaufhörlich nur um das allgemeine Gute besorgt ist. Daher dachte ich auch,
ungeachtet mein Gemüt in seiner Behaglichkeit so matt war, wie die von der
gewaltigen Hitze aufgelösten und hingesunknen Glieder, ernstlich über die
Möglichkeit einer dauernden Umarmung nach. Ich sann auf Mittel das Beisammensein
zu verlängern, und künftig lieber alle kindlich rührenden Elegien über
plötzliche Trennung zu verhüten, als uns wie bisher an dem Komischen einer
solchen Fügung des Schicksals zu ergötzen, weil es nun doch einmal geschehen und
unabänderlich sei.
    Erst nachdem die Kraft der angespannten Vernunft an der Unerreichbarkeit des
Ideals brach und erschlaffte, überließ ich mich dem Strome der Gedanken, und
hörte willig alle die bunten Märchen an, mit denen Begierde und Einbildung,
unwiderstehliche Sirenen in meiner eignen Brust, meine Sinne bezauberten. Es
fiel mir nicht ein das verführerische Gaukelspiel unedel zu kritisieren,
ungeachtet ich wohl wusste, dass das meiste nur schöne Lüge sei. Die zarte Musik
der Fantasie schien die Lücken der Sehnsucht auszufüllen. Dankbar nahm ich das
wahr und beschloss, was das hohe Glück mir diesmal gegeben, auch künftig durch
