 Unschuld und im Schoss der Natur
befinden kann.
    An wen sollte also wohl die Rhetorik der Liebe ihre Apologie der Natur und
der Unschuld richten als an alle Frauen, in deren zarten Herzen das heilige
Feuer der göttlichen Wollust tief verschlossen ruht, und nie ganz verlöschen
kann, wenn es auch noch so sehr verwahrlost und verunreinigt wird? Nächstdem
freilich auch an die Jünglinge, und an die Männer die noch Jünglinge geblieben
sind. Bei diesen ist aber schon ein großer Unterschied zu machen. Man könnte
alle Jünglinge einteilen in solche, die das haben, was Diderot die Empfindung
des Fleisches nennt, und in solche die es nicht haben. Eine seltene Gabe! Viele
Maler von Talent und Einsicht streben ihr ganzes Leben umsonst danach, und viele
Virtuosen der Männlichkeit vollenden ihre Laufbahn, ohne eine Ahndung davon
gehabt zu haben. Auf dem gemeinen Wege kommt man nicht dahin. Ein Libertin mag
verstehen mit einer Art von Geschmack den Gürtel zu lösen. Aber jenen höheren
Kunstsinn der Wollust, durch den die männliche Kraft erst zur Schönheit gebildet
wird, lehrt nur die Liebe allein den Jüngling. Es ist Elektrizität des Gefühls,
dabei aber im Innern ein stilles leises Lauschen, im Äußeren eine gewisse klare
Durchsichtigkeit, wie in den hellen Stellen der Malerei, die ein reizbares Auge
so deutlich fühlt. Es ist eine wunderbare Mischung und Harmonie aller Sinne: so
gibt es auch in der Musik ganz kunstlose, reine, tiefe Akzente, die das Ohr
nicht zu hören, sondern wirklich zu trinken scheint, wenn das Gemüt nach Liebe
durstet. Übrigens aber möchte sich die Empfindung des Fleisches nicht weiter
definieren lassen. Das ist auch unnötig. Genug sie ist für Jünglinge der erste
Grad der Liebeskunst und eine angeborene Gabe der Frauen, durch deren Gunst und
Huld allein sie jenen mitgeteilt, und angebildet werden kann. Mit den
Unglücklichen, die sie nicht kennen, muss man nicht von Liebe reden: denn von
Natur ist in dem Manne zwar ein Bedürfnis aber kein Vorgefühl derselben. Der
zweite Grad hat schon etwas Mystisches, und könnte leicht vernunftwidrig
scheinen wie jedes Ideal. Ein Mann der das innere Verlangen seiner Geliebten
nicht ganz füllen und befriedigen kann, versteht es gar nicht zu sein, was er
doch ist und sein soll. Er ist eigentlich unvermögend, und kann keine gültige
Ehe schließen. Zwar verschwindet auch die höchste endliche Größe vor dem
Unendlichen, und durch bloße Kraft lässt sich also das Problem auch bei dem
besten Willen nicht auflösen. Aber wer Fantasie hat, kann auch Fantasie
mitteilen, und wo die ist, entbehren die Liebenden gern, um zu verschwenden; ihr
Weg geht nach Innen, ihr Ziel ist intensive Unendlichkeit, Unzertrennlichkeit
ohne Zahl und Maß; und eigentlich brauchen sie nie zu
